Ich habe gezögert, mich hier zu outen, aber in letzter Zeit wurde mir immer deutlicher, dass es ein richtiger und wichtiger Schritt ist, offen damit umzugehen.
Ich bin eine trans Frau.
Seitdem ich etwa vier oder fünf Jahre alt war, wusste ich, dass ich ein Mädchen bin. Aber ich habe das sehr lange für etwas gehalten, was nicht sein darf, und habe vorgegeben, ein Junge, ein Mann zu sein. Erst mit 50 Jahren hatte ich mein Coming-out als trans Frau. Fünf Jahre später war meine soziale und medizinische Transition endgültig abgeschlossen.
Trans zu sein, ist eine Eigenschaft von mir – und sicherlich nicht die wichtigste meiner Eigenschaften. Mein Transsein ist mit keinem Aktivismus verbunden.
Was bedeutet Trans, wie entsteht es?
Trans kommt aus dem Lateinischen und bedeutet, „auf der anderen Seite, jenseits von“. Das Gegenteil ist cis, „auf dieser Seite“.
Es hat, anders als viele vermuten, nichts mit Sexualität zu tun. Darum ist der veraltete Begriff „Transsexualität“, der leider immer noch verwendet wird, irreführend (korrekt ist z. B. Transgeschlechtlichkeit).
Weltweit geben etwa 1 % der Menschen an, trans zu sein, je jünger die Befragten, desto höher der Anteil, derzeit rund 4 % bei jungen Menschen.
Transgeschlechtlichkeit ist angeboren, sie entsteht in einer recht frühen Phase der Schwangerschaft. Wir reduzieren die Entstehung des Geschlechts oft auf die Geschlechtschromosomen, aber es ist sehr viel komplizierter. Einen großen Einfluss haben zum einen die Geschlechtshormone (insbesondere Testosteron und Östrogen), zum anderen die entsprechenden Rezeptoren für diese Hormone. Die Entwicklung des körperlichen Geschlechtsausdrucks und die Entwicklung der Geschlechtswahrnehmung im Gehirn können dabei unterschiedlich verlaufen. Genau das geschieht bei trans Personen.
Es handelt sich dabei nicht um eine Krankheit oder Störung, sondern um eine Variante der Geschlechtsentwicklung, ähnlich der Intergeschlechtlichkeit.
Was genau Transgeschlechtlichkeit verursacht, ist ungeklärt, wir wissen nur in groben Zügen, wie die Entwicklung des Geschlechts bei trans Menschen abläuft. Transgeschlechtlichkeit wird nicht vererbt, die Kinder von trans Personen sind also mit derselben Wahrscheinlichkeit trans wie die Kinder von cis Personen (cis = Personen, die sich mit dem bei der Geburt zugeschriebenen Geschlecht identifizieren).
Trans zu sein, ist nichts, wofür ein Mensch sich entscheidet. Es ist auch nichts, was man einem Menschen abgewöhnen oder aberziehen könnte, es ist keine Krankheit und kann nicht geheilt werden (so wenig, wie ein cis Mensch zu trans „umgepolt“ werden könnte).
Kinder nehmen meist im Alter zwischen zwei und vier, spätestens fünf Jahren ihre eigene geschlechtliche Existenz wahr, erleben sich meist entweder als Mädchen oder als Jungen. Sie leiten das nicht aus der Beschaffenheit ihres Körpers ab (Penis = Junge, Vulva = Mädchen), sondern nehmen es davon unabhängig wahr, manchmal eben nicht in Übereinstimmung mit ihrer Anatomie, was für die Kinder verwirrend sein kann.
Mein eigener Weg
Wie ich oben schrieb, wusste ich mit etwa vier oder fünf Jahren, dass ich ein Mädchen bin. Und für mich war es verwirrend, weil man mir zum einen immer gesagt hatte, ich sei ein Junge, und weil ich zum anderen ja anatomisch eindeutig ein Junge zu sein schien. Ich weiß, dass ich versucht habe, mit meiner Mutter darüber zu sprechen, und dann brachte sie mich zu einer Psychologin. Ich lernte, dass ich angeblich kein Mädchen sein konnte, und ich schloss daraus, dass mit mir etwas nicht stimmte. Und dass ich unbedingt vorgeben musste, ein Junge zu sein.
Nun, es hat nie wirklich funktioniert. Und es folgten Jahre, die ich im Nachhinein nur als Katastrophe bezeichnen kann. Ich wusste nicht, was es eigentlich bedeutet, ein Junge zu sein. Ich konnte nur versuchen, das Verhalten anderer Jungen zu kopieren. Und das Mädchen in mir zu verstecken, zu unterdrücken. Ich habe gehofft, gebetet und dafür gekämpft, dass ich endlich als der Junge, als der Mann leben könnte, der ich angeblich war. Dass ich dieses Mädchen zum Verschwinden bringen könnte. Aber das hat nie funktioniert. Und ich bin darüber zunehmend verzweifelt. Egal, was ich versuchte, es gab keine „Heilung“.
Es hat 45 lange Jahre gedauert, bis ich eingesehen habe, dass ich kein Mann sein kann. Mit 50 Jahren hatte ich mein Coming-out. Für Außenstehende schien es sehr plötzlich zu kommen, für mich war es ein längerer Prozess (was praktisch immer der Fall ist).
Ich habe mein Coming-out als Befreiung erlebt. Überaus schädliche Verhaltensweisen, die mich seit meiner Pubertät gequält hatten, fielen auf einen Schlag von mir ab.
Eine kleine Anekdote: Die erste mir fremde Frau, die mich nach meinem Coming-out herzlich und freundlich angelächelt hat, war übrigens eine muslimische Frau mit Hidschab.
Das ist jetzt gut sieben, bald acht Jahre her, und ich lebe nun endlich als der Mensch, der ich immer war, einfach als Frau. Meine soziale und medizinische Transition ist längst abgeschlossen, und trans zu sein, gerät für mich immer mehr in den Hintergrund. Es spielt keine so große Rolle mehr, keine größere Rolle als meine Haut- oder Augenfarbe, ich bin einfach eine Frau.
Eine verschleierte Frau.
Ich weiß, dass viele Musliminnen ein Problem mit Transgeschlechtlichkeit haben. Ich mache ihnen daraus keinen Vorwurf, bei Christinnen ist es kaum anders. Aber ich frage mich manchmal schon, warum Gott ausgerechnet mir, einer trans Frau, die Aufgabe gegeben hat, aus Solidarität mit muslimischen Frauen einen Schleier zu tragen. Warum nicht einer cis Frau?
Gott weiß es besser – das ist, was ich mir im Hinblick auf diese Frage immer wieder sage. Er wird seinen Grund haben, auch wenn ich ihn nicht unbedingt verstehe. Vielleicht verstehe ich es eines Tages.
Mir ist es wichtig, offen und transparent damit umzugehen, dass ich trans bin. Ich möchte niemanden täuschen.
Die etwas weiter oben beschriebene muslimische Frau mit Hidschab, die mich so kurz nach meinem Coming-out freundlich angelächelt hat, erscheint mir heute als ein Lächeln Gottes im Hinblick auf die mir von ihm übertragene Aufgabe, solidarisch mit muslimischen Frauen zu sein. Dass es ausgerechnet eine Frau mit Hidschab war, kommt mir immer wieder in den Sinn.