Der Begriff „Islamismus“ ist nicht eindeutig definiert. Es gibt unzählige Definitionen, die sich zum Teil erheblich unterscheiden, was dazu führt, dass je nach Definition sehr unterschiedliche Menschen darunter fallen.

Der Begriff ist inhaltlich nicht präzise, er benennt die eigentlichen Probleme nicht konkret, was einer reflektierten Auseinandersetzung mit den Problemen entgegensteht.

Oft genug reicht schon das Tragen des Hidschabs, um als „Islamistin“ verdächtigt zu werden – und damit des „politischen Islams“; noch so ein Begriff, der nicht eindeutig definiert ist, aber bedrohlich klingt.

Was meist als "Islamismus" bezeichnet und als monolithischer Block betrachtet wird, ist eine höchst heterogene Bewegung, deren Akteure nur in einem Punkt übereinstimmen: dass islamische Werte in Gesellschaft und Politik eine größere Rolle spielen sollten. 

Für konservative und rechte Akteure der Mehrheitsgesellschaft gilt nur derjenige Muslim als eher unverdächtig, der sich unauffällig verhält und vollständig assimiliert hat, der auch einmal Alkohol trinkt, Schweinefleisch ist und das Kopftuch entschieden ablehnt.

Der Begriff „Islamismus“ lenkt den Blick vom religiösen Fundamentalismus in unseren eigenen Reihen weg und zu den Muslimen hin. 

Wenn man den „Islamismus“ zum Thema macht, muss man nicht über katholische, protestantische oder orthodoxe Fundamentalisten reden. Man kann über „böse“ Menschen reden, die nicht zum eigenen Verein gehören. Hauptsache, mein Verein, meine Religionsgemeinschaft gerät nicht ins Blickfeld. Man kann dann so tun, als gäbe es dieses Problem im Christentum nicht, was natürlich Unsinn ist (falls es sich gar nicht vermeiden lässt, bringt man den „Evangelikalismus“ ins Spiel, womit sich auch gut ablenken lässt), als gäbe es dieses Problem nur im Islam. 

Damit werden die Muslime natürlich stigmatisiert, weil ihre Religion ja angeblich dieses Problem hat, wie die Bezeichnung „Islamismus“ schon ausdrücklich sagt.

Mit dem Begriff „Islamismus“ (oder auch „politischem Islam“) schreibt man einer bestimmten Gruppe von Menschen, den Muslimen, den anderen, zumindest latent vorhandene negative Eigenschaften und Probleme zu. Eigenschaften und Probleme, die Christen bei sich häufig nicht sehen wollen. Einen „Christianismus“ wollen sie schließlich nicht sehen. 

Ich ziehe es vor, vom „religiösen Fundamentalismus“ zu sprechen.

Denn der religiös begründete Fundamentalismus bei Protestanten, Katholiken, Orthodoxen und Muslimen (sowie bei allen anderen Religionen) beschreibt die Problematik am besten: ein kompromissloses Festhalten an ideologischen und religiösen Grundsätzen, die das politische und gesellschaftliche Handeln bestimmen, bis hinein in die Erziehung, die Medien, die Rechtsprechung, den Strafvollzug usw.

Der Begriff ermöglicht eine reflektierte Auseinandersetzung, inwieweit die dem „Islamismus“ zugeschriebenen Probleme auch anderswo sichtbar werden, bei Katholiken, Orthodoxen und Protestanten. Gibt es diese Probleme wirklich nur bei Muslimen – und nicht auch bei Christen? Gibt es beispielsweise Misogynie wirklich nur bei Muslimen und nicht auch bei Christen? Und noch wichtiger. Wie viel Misogynie steckt denn in mir, dem Christen? Wie viel religiöser Fundamentalismus steckt in mir?

Wir können darüber hinaus gerne ergänzend dazu auch vom religiösen Integralismus sprechen. Der Integralismus ist eine ursprünglich katholische Bewegung, die fordert, dass das gesellschaftliche und politische Leben mitsamt Medien, Erziehung, Familien usw. religiösen Autoritäten unterstellt werden muss. Integralisten streben die Aufhebung der Trennung von Staat und Kirche bzw. Religion an. 

Religiöser Fundamentalismus und religiöser Integralismus treten oft gemeinsam auf – in allen Religionen. 

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