Vor gut zehn Jahren hat der Spiegel eine Fotostrecke „Sicht durch einen Niqab“ (ext. Link) veröffentlicht. Nun, ich trage seit vielen Jahren einen Nikab, und ich kann nur sagen: Stimmt so nicht.

Welche Sicht habe ich durch den Nikab:

Chapel at Fort George Scotland

Ich gebe zu, ich habe geschummelt. Das Bild der Kapelle im schottischen Fort George habe ich nicht durch einen Nikab fotografiert. Dennoch zeigt es einen möglichen Blick durch den Nikab, nämlich den, bei dem der Nikab gar nicht im Blickfeld auftaucht, weil die Öffnung für die Augen eher großzügig geschnitten ist, 

Nikabs sind überaus verschieden – es gibt sehr unterschiedliche Modelle, auch, was die Öffnung für die Augen betrifft. Bei manchen ist die Öffnung sehr schmal, bei anderen ausgesprochen weit. Bei einigen befindet sich ein mehr oder weniger dünnes Netz vor den Augen, bei anderen nicht. Manche weisen eine Art Klappe aus Stoff auf, die die Trägerin vor die Augen klappen kann, die meisten nicht. 

Daneben gibt es noch Gesichtsschleier, bei denen die Augen ständig bedeckt sind, wie etwa Tschaderi (die afghanische sogenannte Burka) oder Boushiya, aber um die soll es hier nicht gehen, zumal sie in Deutschland eigentlich nie getragen werden.

Bei Fotos, die den Blick durch den Nikab zeigen sollen, kommt es zudem auf die Einstellungen beim Fotografieren an: Brennweite (bzw. Abbildungswinkel), Blendenwert (und damit Schärfentiefe), Fokuspunkt, Belichtungskorrektur. Sie alle beeinflussen das, was auf dem Foto zu sehen ist. 

Dazu kommt noch die Entfernung zwischen der Filmebene und dem Nikab, durch den fotografiert wird. Der Nikab liegt immerhin direkt vor dem Auge, ganz nahe an der Netzhaut. Beim Foto hingegen befindet sich der Nikab vor dem mehr oder weniger langen Objektiv und damit in einiger Entfernung von der Filmebene. Das verfälscht die Darstellung; denn nicht die Entfernung von der Vorderseite des Objektivs ist entscheidend, sondern die Entfernung von der Filmebene. 

Die wenigsten Fotos geben ein Szenerie so wieder, wie wir die abgebildete Szene mit den Augen wahrnehmen. Dazu kommt: Beim Blick mit den Augen korrigiert unser Gehirn das, was wir sehen, ohne dass wir das bewusst wahrnehmen – eine Kamera tut das nicht. Keine Kamera kann unseren Blick exakt wiedergeben. Unser Auge ist an einen leistungsfähigen Bildprozessor – dem Gehirn – angeschlossen, der beispielsweise störende Elemente ausblendet. 

Mein Blick durch den Nikab ist abhängig vom getragenen Nikab gar nicht, leicht, etwas oder sehr eingeschränkt. Den einen Blick durch den Nikab gibt es nicht. Und die Fotostrecke aus dem Spiegel ist nicht zu verallgemeinern. 

Störend ist der Nikab für mich nicht, wenn ich etwas sehen will. Selbst wenn ich ein Netz vor den Augen habe, nehme ich das meist gar nicht wahr – mein Blick nach außen ist nicht eingeschränkt, nur der Blick von außen auf meine Augen. 

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