Dürfen Christinnen sich verschleiern? Oder sollten sie dies sogar tun?

Der Schleier gehört nicht nur zum Islam, sondern auch zum Judentum und zum Christentum. Er ist geradezu ein verbindendes Element dieser drei abrahamitischen Religionen..

Im Christentum ist der Schleier jedoch mittlerweile weitgehend in Vergessenheit geraten – vor allem der Gesichtsschleier, aber auch das Kopftuch, das heute im Westen vorwiegend mit Nonnen in Verbindung gebracht wird. Der Schleier der Nonnen wurde übrigens nicht erst für diese erfunden – er entsprach einfach der damals üblichen Kleidung verheirateter Frauen. Um die unverheirateten Nonnen diesen „ehrbaren Frauen“ gleichzustellen, wurde der Schleier Teil ihrer Tracht. Bis in die 1970er Jahre trugen übrigens die Nonnen des Karmeliten-Ordens außerhalb des Klosters auch einen Gesichtsschleier. 

Wir können davon ausgehen, dass die Frauen der Bibel Schleier trugen, oft auch einen Gesichtsschleier. Hierin unterscheiden sich das Judentum und das Christentum von anderen antiken Kulturen; denn sonst war der Schleier meist nur freien und gesellschaftlich hochgestellten Frauen erlaubt. Dies galt auch noch im vorislamischen Arabien zur Zeit Muhammads, der Friede sei auf ihm. Das Judentum, das Christentum und später der Islam haben den Schleier für alle Frauen eingeführt, nicht nur für wenige hochgestellte Frauen. 

Die neutestamentlichen Schriften äußern sich nicht ausführlich zur Verschleierung der Frauen. Wir haben hauptsächlich 1. Korinther 11,2–16, einen Brief des Apostels Paulus an die christliche Gemeinde in Korinth, einer römischen Kolonie in Griechenland. Bei oberflächlicher Lektüre scheint Paulus den Frauen die Verschleierung während des Gottesdienstes zu befehlen, aber wer sich intensiv mit diesem Text beschäftigt, der stellt bald fest, dass der kurze Text weitaus mehr Fragen aufwirft als Antworten liefert. Das liegt hauptsächlich daran, dass wir hier lediglich die Antwort des Paulus auf eine Anfrage der Korinther haben, die uns allerdings nicht überliefert ist. Uns fehlt also Kontext. Und so gibt es sehr verschiedene Auslegungen dieses Textes, von „Paulus ist gegen die Verschleierung“ über „dieser Text hat nur Bedeutung für Korinth im ersten Jahrhundert“ bis „dieser Text enthält eine Anweisung für alle Christinnen“. Wir wissen nicht, welche dieser Auslegungen korrekt ist. 

1. Korinther 11,2ff ist jedenfalls aufgrund der unklaren Ausgangslage nicht ausreichend, um daraus eine allgemeingültige Regel abzuleiten, zumal wir nur diesen einen Abschnitt im Neuen Testament haben. 

Das Neue Testament fordert Frauen allgemein zu eher bescheidener Kleidung auf, sie sollen etwa ihren Schmuck nicht zur Schau stellen (vgl. 1. Timotheus 2,9–10; 1. Petrus 3,3–4). Dabei geht es vorrangig darum, dass vermögende Frauen nicht mit ihrem Reichtum prahlen sollen, was für die ärmeren Frauen und Sklavinnen eine Demütigung wäre. Paulus wollte eine Gemeinde, in der Arm und Reich oder Freie und Sklavin keine Rolle spielen – wir sind, so betont Paulus, allesamt eins in Christus. Aufgrund dessen gehe ich davon aus, dass er, wenn er wollte, dass die Frauen in Korinth gemäß der römischen Sitten einen Schleier tragen, alle Frauen dies tun sollen oder keine – und nicht einige ihre gesellschaftliche Stellung herausstellen. Schließlich gehören wir alle zu Christus.

Wir können also das Neue Testament nicht zurate ziehen, wenn es darum geht, ob christliche Frauen sich verschleiern müssen. Es ist eine Frage, die jede christliche Frau für sich selbst entscheiden muss. Dem Neuen Testament nach kann sie es tun – oder es lassen. Das Neue Testament gibt den Frauen die Freiheit, selbst zu entscheiden. Dafür hat Gott uns Christen schließlich seinen Geist gegeben: dass wir solche Entscheidungen selbst treffen können, dass wir solche Angelegenheiten selbst beurteilen können. 

In der christlichen Tradition hingegen spielt der Schleier eine große Rolle, in einigen Weltgegenden bis heute. Für viele Frauen war oder ist es selbstverständlich, sich zumindest während des Gottesdienstes zu verschleiern, meist mit einem Kopftuch. Nach der Eroberung Konstantinopels trafen in der Stadt muslimische und christliche Frauen aufeinander, die sich äußerlich nicht unterschieden, sodass die neuen Machthaber unterschiedliche Farben für den Schleier anordneten, um Musliminnen und Christinnen unterscheiden zu können. 

Also: Ja, wir Christinnen dürfen uns verschleiern, es spricht nichts dagegen. Und nein, wir müssen es nicht tun. Ob wir es tun oder nicht, ist eine Sache zwischen uns und Gott. Wir sind zur Freiheit berufen und sollen uns nicht zu Sklavinnen religiöser Gesetze oder Vorschriften machen, egal in welche Richtung diese gehen. Niemand in der Gemeinde hat das Recht, uns für unsere Entscheidung zu verurteilen (siehe Römer 14).

Wer sich für das Kopftuch oder den Schleier entscheidet, muss sich natürlich darüber im Klaren sein, damit in unserer Gesellschaft und in den meisten unserer christlichen Gemeinden anzuecken. Das gilt gerade dann, wenn es einer islamischen Verschleierung gleicht, also Hidschab, Dschilbab oder sogar Nikab. Zugleich kann dies bei Muslimen und insbesondere bei muslimischen Frauen zu Irritationen führen. 

Wer sich verschleiert, gilt in unserer Gesellschaft oft als rückständig und als eine Frau, die sich den Männern unterwirft, als anti-feministisch. Es ist nicht immer einfach, mit diesen Vorurteilen umzugehen.

Mein persönlicher Rat: Wenn Gott Dich nicht sehr bestimmt dazu führt, dass Du Dich verschleiern sollst, dann verzichte eher darauf.

Falls es Dir weniger um Religion, sondern vielmehr um Modefragen geht, achte darauf, dass Dein Schleier nicht zu sehr nach Religion aussieht (und auch kein traditioneller religiöser Schleier ist). Wer einen religioösen Schleier trägt, sollte dies nur aus religiösen Gründen tun. 

Wenn es nur irgendwelche „bibeltreuen“ Männer sind, die Dich überreden wollen, dass Du einen Schleier tragen sollst, weil das angeblich „biblisch“ sei, dann höre ihnen nicht zu. Wenn Gott es will, wird er es Dir schon zeigen. Und wenn nicht, dann höre nicht auf diese Leute und lass Dich von ihnen nicht verunsichern.

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