Eine der häufigsten Fragen, die Leute stellen, wenn sie eine verschleierte Frau wie mich sehen, ist „Mann oder Frau?“. Keine sehr kreative Frage, wahrscheinlich die am häufigsten gestellte Frage, manchmal noch durch eine dritte Option ergänzt, „oder Terrorist?“, auf die ich hier aber nicht weiter eingehen will.
Ich könnte den Fragestellern natürlich meinen Ausweis zeigen (wobei da nur der Vorname auf das Geschlecht hindeutet; im Personalausweis gibt es ja, anders als im Reisepass, keinen Geschlechtseintrag), meine Geburtsurkunde (in der übrigens früher auch kein Geschlecht vermerkt war). Ich könnte im Prinzip auch, was ich freilich niemals tun würde, meine Brüste oder meine Vulva herzeigen. Wobei sich dann die Frage stellt, ob Ausweis und Geburtsurkunde, Brüste und Vulva genug wären, wenn mein eindeutig weiblicher Geschlechtsausdruck, also vor allem meine Kleidung, nicht ausreicht?
Die Frage, die sich mir stellt: Was würde sich für diese Menschen ändern, wenn ich keine Frau wäre, sondern ein Mann? Warum wollen sie sich vergewissern, ob ich Frau oder Mann bin? Was geht es sie überhaupt an? Was geht es irgendjemanden an, ob ein anderer Mensch Mann oder Frau oder was sonst ist? Es gibt eigentlich nur eine Gruppe Menschen, für die das wichtig sein könnte: Muslimische Frauen, die Wert auf die Trennung der Geschlechter legen.
Und wenn ich meinen Nikab abnehmen würde, könnten sie dann tatsächlich erkennen, ob ich eine Frau oder ein Mann bin?
Wir ordnen Menschen in der Regel aufgrund ihres Geschlechtsausdrucks (also dem „gelesenen Geschlecht“) einem Geschlecht zu. Und dafür verlassen wir uns auf Geschlechterklischees. Studien zeigen jedoch, dass wir dabei sehr häufig falsch liegen. Der Geschlechtsausdruck von uns Menschen ist ein bimodales Spektrum, weswegen wir auch oft mit geschlechtsbestätigenden Maßnahmen nachhelfen, um entweder femininer oder maskuliner zu wirken. Wieder andere wollen eher androgyn wirken.
Natürlich verrät die Frage auch eine überholte Vorstellung von Geschlecht: Es gäbe nur zwei Geschlechter, Frau und Mann, und die seien eindeutig festgelegt durch die Chromosomen und zweifelsfrei identifizierbar anhand der primären und der sekundären Geschlechtsmerkmale.
Aber im Jahr 2026 sollte sich allmählich herumgesprochen haben, dass diese Auffassung gemäß dem Konsens der mit Fragen des Geschlechts befassten Wissenschaftler nicht mehr haltbar ist. An ihr festzuhalten ist nicht Wissenschaft, sondern Ideologie. Und, liebe Christen, nicht einmal die Bibel sagt tatsächlich, dass Gott den Menschen als Mann und Frau schuf. Die wissenschaftliche Theologie legt diesen Vers aus dem alttestamentlichen Buch Genesis längst anders aus.
Zudem ist es schlicht frauenfeindlich, wenn Frausein auf Biologie reduziert wird, als sei dies die wichtigste Eigenschaft von Frauen. Es läuft darauf hinaus, den weiblichen Körper zu kontrollieren und Frauen nach ihrer Fähigkeit zur Fortpflanzung zu bewerten.
Es gibt Menschen von männlich bis weiblich (ein bimodales Spektrum), einige endogeschlechtlich, andere intergeschlechtlich, einige cis, andere trans, einige binär, andere nichtbinär oder agender. Es ist in der Wissenschaft Konsens, dass die Wahrnehmung unserer geschlechtlichen Existenz im Gehirn entsteht und sogar mehr oder weniger fluide ist. Dabei weiß man nicht einmal, warum manche Menschen cis und andere trans sind. Wir haben zu lange gedacht, dass Cis normal ist, die Norm darstellt – und dabei gar nicht gemerkt, dass wir bis heute überhaupt nicht verstehen, warum manche Menschen cis sind und andere trans. Wir haben Cis als „normal“ hingenommen, obwohl wir es gar nicht verstehen. Und so haben wir Trans als Abweichung betrachtet, ohne das begründen zu können, ohne es zu verstehen. Den gleichen Fehler haben wir einige Zeit früher mit Linkshändern gemacht, bis wir schließlich verstanden haben, dass Links- und Rechtshänder sowie Beidhänder ganz natürliche Varianten in der menschlichen Entwicklung sind.
Die Frage „Mann oder Frau?“ führt also in die Irre, weil es dieses Entweder-oder so gar nicht gibt.