Geht es um die Verschleierung der muslimischen Frau, dann spielen zwei Begriffe aus dem religiösen und rechtlichen Vokabular des Islam eine große Rolle: 'Aura und Fitna.
Manchmal ist die 'Aura entscheidend, ob ein Körperteil verhüllt werden soll, manchmal die Fitna. Manche islamische Theologen bringen noch den Aspekt der Sittsamkeit ins Spiel.
'Aura
'Aura bezieht sich vor allem auf nackte Haut, die bedeckt werden muss. Meist wird 'Aura mit „Scham“ ins Deutsche übersetzt.
Bei 'Aura geht es nicht um Sexualität oder sexuelle Versuchungen. 'Aura geht davon aus, dass es nicht schicklich sei, bestimmte Teile des Körpers anderen Menschen (außer dem Ehepartner) zu zeigen.
Was am Körper einer Frau 'Aura ist, lässt sich nicht eindeutig festlegen, da es von verschiedenen Faktoren abhängig ist und auch je nach Rechtsschule unterschiedlich ausgelegt wird. Während einige wenige Theologen nur die Genitalien als 'Aura betrachten, gehen die meisten deutlich weiter.
Grob lässt sich sagen, dass Körper und Kopf der Frau in Gegenwart von Männern mit Ausnahme von Gesicht, Händen und Füßen 'Aura ist und darum verhüllt werden soll. In Gegenwart von (muslimischen) Frauen und Mahram ist der Körper vom Bauchnabel bis zu den Knien 'Aura. Lediglich der Ehemann darf die ganze 'Aura seiner Frau sehen.
Bei Männern ist es hingegen ziemlich einfach definiert: Der Körper ist vom Bauchnabel bis zu den Knien 'Aura.
Einige wenige islamische Theologen betrachten auch das Gesicht der Frau, ihre Hände, ihre Füße oder auch ihre Stimme als 'Aura. Hier besteht jedoch keine Einigkeit.
Das Gesicht wird von der Mehrzahl der islamischen Theologen nicht als 'Aura betrachtet, weil dafür die Textgrundlage im Koran und in der Sunna fehlt. Daraus leiten sie ab, dass die Verhüllung des Gesichts keine Pflicht sei (aber auch nicht verboten ist, sondern lobenswert oder verdienstvoll sein könne).
Während der Haddsch in Mekka darf das Gesicht von Frauen wie Männern übrigens nicht von Stoff berührt werden. Das führt de facto zu einem Verbot der Verhüllung des Gesichts, was manche Frauen dadurch umgehen, dass sie unter dem Nikab eine Schirmkappe tragen, die dafür sorgt, dass der Nikab nicht direkt auf der Haut liegt.
Fitna
Fitna bedeutet ursprünglich eine Versuchung, eine Zeit der Prüfung, einen Zustand, in dem es zum Abfall vom Glauben kommen kann.
Als Fitna wird es auch der Zustand sexueller Versuchung bezeichnet. Dieser kann etwa dann eintreten, wenn Nicht-Mahram einer sehr schönen Frau begegnen oder wenn Männer sich Frauen gegenüber unsittlich verhalten. In diesem Fall soll die Frau ihren Körper verhüllen, um sich zu schützen. In diesem Fall kann auch die Verhüllung des Gesichts, der Hände und der Füße geboten oder verpflichtend sein.
Grundsätzlich geht aber die Aufforderung an die Männer vor, den Blick zu senken und Frauen nicht zu belästigen. Da sich aber Männer vielfach nicht daranhalten, soll sich die Frau zu ihrem Schutz und wegen der guten Sitten in einem solchen Fall verhüllen.
Das Verhalten vieler Männer im Westen wird von einigen Musliminnen als derart unverschämt betrachtet (starren, nachpfeifen, Anmachsprüche …), dass hier stets der ganze Körper, einschließlich Gesicht und Händen, zu verhüllen sei.
Sittsamkeit
Manche Muslime bezeichnen es als eine Frage der Sittsamkeit (oder Bescheidenheit), also der guten Sitten, dass Frauen nicht nur ihre 'Aura, also Körper und Haare, bedecken oder sich verhüllen, weil sie Fitna befürchten, sondern darüber hinaus auch das Gesicht und die Hände bedecken. Es gibt auch Forderungen an die Männer, nicht nur den Bereich von der Hüfte bis zu den Knien zu bedecken, sondern den ganzen Körper, allerdings nicht das Gesicht oder die Hände.
Es gilt oft als sittsam (oder bescheiden), die eigene Schönheit nicht zur Schau zu stellen (oder eine wunderschöne Stimme), ebenso den Schmuck oder teure Kleidung.