Es gibt, durchaus mit Überschneidungen, einen

  • antimuslimischen1 Rassismus2 und
  • einen Antiislamismus3.

Hauptsächlich unterscheiden sie sich in einem Detail: Der antimuslimische Rassismus betrachtet Muslime aufgrund ihrer Religion und Kultur als im Vergleich zu insbesondere Atheisten und Christen minderwertig und diesen unterlegen. Der Antiislamismus hingegen betrachtet den Islam als eine derzeit dem Westen (dem sog. Abendland4) überlegene Ideologie.

Natürlich sind diese beiden Ideologien nicht immer sauber voneinander zu unterscheiden. Sie überschneiden sich und es gibt Allianzen.

Antimuslimischer Rassismus

Antimuslimischer Rassismus geht von der Minderwertigkeit und Unterlegenheit der Muslime aufgrund ihrer Kultur und ihrer Religion aus. Es ist also ein klassischer Rassismus. Aufgrund ihrer vermeintlichen oder tatsächlichen Zugehörigkeit zum Islam werden Muslime rassifiziert und ihnen werden aufgrund negativer Fremdzuschreibungen Unterschiede zur „abendländischen“ Mehrheitsgesellschaft zugeschrieben und stark übertrieben.

Die stark übertriebene Darstellung dieser Unterschiede (besonders auch im Hinblick auf den Umgang mit Frauen) führt zur Diskriminierung und Ausgrenzung von Muslimen und zu Gewalt gegen Muslime.

Die Unterschiede werden als zwangsläufige Folge der Religion der Muslime, also des Islams, betrachtet. Der Islam mache die Muslime unfähig, mit der Mehrheitsgesellschaft gut und friedlich und ohne störende Unterschiede zusammenzuleben.

Der antimuslimische Rassismus bewertet Muslime hierarchisch, wertet sie also gegenüber der Mehrheitsgesellschaft ab.

Der antimuslimische Rassismus funktioniert sowohl über individuelle Vorurteile auf Seiten der Mehrheitsgesellschaft als auch durch institutionelle und strukturelle Mechanismen, die zur Diskriminierung der Muslime beitragen und die Mehrheitsgesellschaft privilegieren.

Durch ethnischen Rassismus, Sexismus und Misogynie kommt es oft zu einer Mehrfachdiskriminierung von Muslimen nicht nur aufgrund ihrer Religion, sondern auch ihrer Herkunft, ihrer ethnischen Zugehörigkeit oder ihres Geschlechts. So sind muslimische Women of Color oft besonders stark von Diskriminierung betroffen.

Wir haben es also mit einer intersektionellen Diskriminierung vor allem muslimischer Mädchen und Frauen zu tun, die nicht nur auf individuellen Vorurteilen (gerade gegenüber Muslimas, die sich bedecken), sondern auch auf struktureller und institutioneller Diskriminierung beruht.

Antimuslimischer Rassismus betrachtet die Mehrheitsgesellschaft – in der Regel die weiße, christlich geprägte Gesellschaft – im Vergleich zu den Muslimen als höherwertig und überlegen. Übertritte und „Vermischungen“, etwa durch religiös gemischte Familien, gelten als sehr problematisch, was auch auf Nachkommen solcher Verbindungen ausgedehnt wird, selbst wenn diese selbst nicht Muslime sind.

Antimuslimischer Rassismus stellt die Gleichartigkeit, die Gleichwertigkeit und die Gleichberechtigung von Muslimen und Mehrheitsgesellschaft in Frage – und meist auch die Existenzberechtigung der Muslime. Er zielt auf eine Absicherung der Machtverhältnisse ab, sodass Muslime möglichst keine höheren Stellungen in der Gesellschaft einnehmen sollen. Durch hierarchische Strukturen in der Gesellschaft soll der Zugang zu Ressourcen, bestimmten Orten und gesellschaftlicher Teilhabe und höheren gesellschaftlichen Positionen kontrolliert und eingeschränkt werden.

Antimuslimischer Rassismus will letzten Endes eine strikte Trennung zwischen Mehrheitsgesellschaft und Muslimen, strebt eine „Säuberung“ der Gesellschaft etwa durch Wegsperren in Lager oder Deportation und sogar Pogrome an.

Eine Sonderstellung im antimuslimischen Rassismus nehmen einerseits „Ex-Muslime“ und andererseits Konvertiten zum Islam ein.

„Ex-Muslime“

„Ex-Muslime“, die sich vom Islam ausdrücklich abgewandt haben, gelten antimuslimischen Rassisten oft als Alliierte, wenn ihre Abwendung denn von ihnen glaubhaft dargestellt wird und sie sich deutlich und kämpferisch gegen den Islam positionieren, sei es als Christen oder als Islamisten.

Konvertiten zum Islam

Wer zum Islam konvertiert, wird sehr schnell zum Opfer von antimuslimischem Rassismus. Das gilt besonders für Mädchen und Frauen, die zum Islam konvertieren und dann beginnen, sich zu bedecken.

Antiislamismus

Antiislamismus ist ein Verschwörungsmythos, der davon ausgeht, dass die Muslime sowohl beabsichtigen als auch durch Überlegenheit (und dank mächtiger Alliierter5) dazu in der Lage seien, das „Abendland“ anzugreifen, zu vernichten und die Nichtmuslime zu unterwerfen.

Dabei werden die Muslime als ein monolithischer Block mit einem gemeinsamen Ziel – der Unterwerfung aller Nichtmuslime – betrachtet.

Darüber hinaus gilt es als bedrohliche Tatsache, dass das „Abendland“ in seiner derzeitigen Verfassung sowohl nicht willens als auch nicht in der Lage sei, sich angemessen und erfolgreich dagegen zu verteidigen. Es sei dem Islam unterlegen, obwohl es eigentlich dazu bestimmt sei, eine überlegene Führungsrolle zu übernehmen. Diese Überlegenheit habe es jedoch an den Islam verloren

Davon ausgehend nimmt man die Existenz von Verrätern innerhalb des „Abendlands“ an, die es schwächen und damit bewusst oder unbewusst dem Islam zuarbeiten. Dies seien beispielsweise Konvertiten zum Islam, Linke, Grüne, Feministen, liberale Christen usw.

Der Antiislamismus betrachtet die Muslime im Vergleich zum „Abendland“ als sowohl überlegen als auch als barbarisch und brutal. Sie würden jede Möglichkeit nutzen, ihre Macht und Vorherrschaft auszubauen.

Daraus folgt, dass das „Abendland“ entweder untergehen müsse – oder seinerseits den Kampf aufnehmen müsse, ehe es zu spät sei. Derzeit seien dafür zu viele Männer zu schwach, die vermeintlichen Alliierten im Land zu stark, viele Frauen sich der vermeintlichen Gefahr nicht bewusst und ohnehin für den Kampf gegen den angeblichen Feind nicht zu gebrauchen. Die Mehrheitsgesellschaft müsse sich also umfassend ändern, um der angeblichen Bedrohung durch den Islam gewachsen zu sein. Die vermeintlichen Verräter müssen ausfindig gemacht und zur Verantwortung gezogen werden. Nur so könne das „Abendland“ wieder zu seiner einstigen Überlegenheit zurückfinden6.

Und selbstverständlich müsse der Kampf gegen den Islam entschieden geführt werden, wozu jedes Mittel recht sei – Diskriminierung, Ausgrenzung, „ethnische Säuberungen“, Anschläge auf islamische Einrichtungen, Terroranschläge gegen Muslime und ihre vermeintlichen Alliierten und dergleichen mehr. Um das „Abendland“ zu retten und alter Überlegenheit zurückzuführen, dürfe man keine Rücksicht nehmen. Es läuft auf die Forderung nach einem „totalen Krieg“ hinaus - mit der Begründung, dass der Islam seinerseits seit Langem einen „totalen Krieg“ gegen das „Abendland“ führe.

Das beinhaltet auch, dass die Armen, Schwachen, Kranken, Behinderten und Alten im Land mehr einer Belastung sind, auf die keinerlei Rücksicht mehr genommen werden kann, weil sie das Land in seiner Fähigkeit, sich gegen die angebliche Bedrohung angemessen zu verteidigen, schwächen. Sie kosten Geld, das anderswo besser eingesetzt wäre, etwa für Aufrüstung.

Ausgrenzung und Diskriminierung der Muslime und eine „Säuberung“ der Mehrheitsgesellschaft sind dem Antiislamismus nicht genug, er setzt auf die Auslöschung des Islam und seiner angeblichen Alliierten, um die vermeintliche Gefahr ein für alle Mal zu beseitigen.

Er setzt auf individuelle und militärische Aufrüstung und Präventionsschläge gegen den Islam, ehe dieser so stark sei, dass er nicht mehr bezwungen werden könne.

Der Antiislamismus ähnelt sehr stark dem abendländischen Antisemitismus, nur dass er anstelle der Vernichtung des Judentums auf die Vernichtung des Islams setzt7.

Femonationalismus

Eine besondere Form sowohl von antimuslimischem Rassismus als auch von Antiislamismus ist der Femonationalismus.

Femonationalismus instrumentalisiert feministische Argumente für eine nationalistische bzw. rassistische Agenda, ohne dass die Akteure ansonsten durch ihren Einsatz für Feminismus auffallen. Viele von ihnen sind selbst eher sexistisch, antifeministisch und misogyn.

Der antimuslimische oder antiislamische Femonationalismus unterstellt Muslimen und dem Islam eine Frauenfeindlichkeit, die sich etwa dort zeige, wo muslimische Mädchen und Frauen sich bedecken, was angeblich dem Feminismus entgegenstehe.

Der antimuslimische Femonationalismus sieht eher die „unterentwickelten“ muslimischen Männer als treibende Kraft, der antiislamische Femonationalismus eher die Religion mit ihren Scharia-Regeln, um Frauen angeblich zu unterdrücken. Dass muslimische Mädchen und Frauen sich selbstbestimmt bedecken, wird nur dann als möglich akzeptiert, wenn sie radikalisiert seien und damit nicht Opfer seien, sondern vielmehr selbst eine Gefahr darstellten.

Der antimuslimische und antiislamische Femonationalismus bekämpft nahezu ausschließlich die Bedeckung muslimischer Frauen mit Hidschab, Nikab, Burkini usw., während ihm die tatsächliche Unterdrückung muslimischer Mädchen und Frauen, die es zweifellos gibt, kaum auffällt.

Er will, dass die Bedeckung verschwindet - nicht die Unterdrückung, die wir als Folgen patriarchaler Strukturen tatsächlich haben8. Ob eine muslimische Frau oder ein muslimisches Mädchen tatsächlich durch Verbote von Kopftuch, „Burka“ oder Burkini frei wird, interessiert ihn nicht. Dass viele Frauen dadurch ihr Recht auf die freie und ungestörte Ausübung der Religion und auf die selbstbestimmte Wahl ihrer Kleidung verlieren, interessiert sie nicht. Da sie ohnehin davon ausgehen, dass die Frauen es nicht freiwillig tun (oder allenfalls als Radikale), sehen sie darin auch kein Problem.


1  Ich spreche in diesem Zusammenhang eher von „antimuslimisch“ als von „antiislamisch“, da dieser Rassismus sich mehr auf die Muslime bezieht als auf den Islam.

2  Antimuslimischer Rassismus bedeutet nicht, dass die Muslime eine „Rasse“ darstellen, zumal es trotz aller sichtbaren (und von der Mehrheitsgesellschaft oft übertriebenen) Unterschiede im äußeren Erscheinungsbild nur eine einzige menschliche Rasse gibt. Es bedeutet, dass Menschen aufgrund von rassistischen Fremdzuschreibungen einer bestimmten Kategorie zugeordnet und aufgrund dessen diskriminiert und ausgegrenzt werden.

3  Hier spreche ich hingegen eher von „antiislamsisch“, weil der Antiislamismus sich eher auf den Islam bezieht und diesen als Bedrohung sieht.

4  Vergleiche meinen Artikel zum sog. Abendland unter www.luluas-cafe.de/informationen/abendland

5  Je nachdem, aus welchem Stall der Antiislamismus kommt, können diese vermeintlichen Alliierten Linke, Grüne, Kommunisten, Feministen oder auch Juden sein.

6  Heutzutage scheint für viele antiislamische Akteure sog. Künstliche Intelligenz eine wichtige Rolle zu spielen, um die Überlegenheit und Vormachtstellung des Westens wiederherzustellen und de Islam zurückzudrängen.

7  Manche antiislamischen Strömungen sind zugleich antisemitisch, sie betrachten etwa den Islam als Werkzeug einer angeblichen jüdischen „Weltverschwörung“.

8  Niemand wird bestreiten, dass manche muslimische Mädchen und Frauen unterdrückt werden. Es hat allerdings mit patriarchalen Strukturen und Institutionen zu tun, nicht mit der Religion – und findet sich nicht nur unter Muslimen, sondern ebenso unter allen anderen Menschen.

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