Viele Meinungsbeiträge zum Schleier, insbesondere von Seiten der Verbotsbefürworter, setzen voraus, dass der Schleier etwas Schlimmes sei.
Aber was ist denn eigentlich das angeblich Schlimme am Kopftuch, am Nikab oder am Burkini?
Ich verschleiere mich nun seit vielen Jahren und kann auch als westliche, emanzipierte Frau nichts Schlimmes daran finden.
Egal ob Hidschab, Nikab oder Burkini – ich empfinde keines dieser Kleidungsstücke vom Tragegefühl her unangenehm oder gar schlimm. Natürlich ist das von Frau zu Frau unterschiedlich. Jede Frau hat Kleidungsstücke, die sie gerne trägt – und andere, bei denen das nicht der Fall ist. Manchmal ist es eine ganze Gattung, etwa High Heels, BHs, Miniröcke, manchmal sind es einzelne Kleidungsstücke. Es gibt aus der Kategorie Verschleierung durchaus Stücke, die ich nicht gerne trage.
Jedenfalls kann man nicht generell sagen, dass bedeckende Kleidung unangenehm zu tragen wäre.
Das Problem sind wohl eher die Klischees und die Vorurteile, die mit dem Schleier verbunden werden. Er sei angeblich ein Symbol der Unterdrückung; er manche Frauen unsichtbar; dem Tragen läge familiärer oder sozialer Druck zugrunde oder wir würden sogar dazu gezwungen; er sei wie ein Stoffkäfig. Es ist der rassifizierende Blick auf den Schleier muslimischer Frauen, der vielen Menschen als die einzig zulässige Deutung gilt. Man nimmt uns die Deutungshoheit und überfrachtet sie dann mit Vorurteilen.
Wir müssen nicht darüber sprechen, dass manche Frauen zur Verschleierung gedrängt oder sogar genötigt werden (was in Deutschland übrigens bereits strafbar ist, auch, ohne dass der Schleier dabei explizit erwähnt wäre). Über das Thema habe ich auch schon auf dieser Homepage geschrieben. Es ist leider eine Tatsache, und wir werden den Frauen auf eine Weise helfen müssen, die ihnen tatsächlich dabei hilft, aus der Situation herauszukommen. Nicht durch Symbolpolitik, die keinerlei Befreiung bringt, auch wenn wir das in unserem beschränkten Weltbild glauben mögen. Wenn wir diesen Frauen helfen wollen, dann ohne Paternalismus und noch mehr Fremdbestimmung. Diese Frauen müssen sich selbst ermächtigen, sich selbst empowern. Emanzipation kann nur Selbstermächtigung sein, ansonsten führt sie nur in neue Unfreiheit.
Wir müssen allerdings, was viel zu wenig geschieht, darüber sprechen, dass den Frauen, denen das widerfährt, auch noch andere wirklich schlimme Dinge widerfahren, die halt von uns meist nicht gesehen werden. Sie wären ohne Schleier kein bisschen freier als mit. Möglicherweise dürften sie außerdem ihre Wohnung nicht mehr verlassen. Wir glauben oft (und sind dabei im Irrtum), dass, wenn der Schleier verschwindet, alle Probleme dieser Frauen gelöst wären. Für viele der Frauen, die zur Verschleierung genötigt werden, ist der Schleier tatsächlich das kleinste Übel. Es gibt Frauen, die zwar genötigt werden, sich zu verschleiern, aber mit dem Schleier selbst gar kein Problem haben. Das ist ja auch der Inhalt der Proteste im Iran – es geht nicht gegen den Schleier, sondern gegen den Zwang zur Verschleierung. Ihr Problem ist die Nötigung. Und es gibt mehr als genug Frauen, die unterdrückt werden, ohne dass sie genötigt werden, einen Schleier zu tragen. Von den unterdrückten Frauen trägt nur eine Minderheit den Schleier.
Wir müssen überdies, was auch viel zu selten geschieht, darüber reden, dass viele muslimische Mädchen und Frauen, die sich gerne verschleiern würden, familiären oder sozialen Druck erleben, es zu unterlassen. Wir müssen darüber reden, warum uns diese Form der Nötigung nicht stört, wenn wir doch angeblich für die Freiheit der Frauen sind. Entweder sind wir für die Freiheit und lassen allen Mädchen und Frauen die freie Entscheidung, was eben auch eine freie Wahl beinhaltet, oder wir geben zu, dass es uns gar nicht um Freiheit geht, sondern darum, dass Frauen sich nicht verschleiern.
Wir müssen akzeptieren, dass unser Blick auf den Schleier muslimischer Mädchen und Frauen von Vorurteilen, Klischees und Anekdoten geprägt ist, die für uns schwerer wiegen als das, was die Mädchen und Frauen selbst sagen. Bei denen, die sagen, dass sie sich freiwillig verschleiern, zwingen uns unsere Vorurteile, davon auszugehen, dass sie den Druck nur nicht wahrhaben wollen, dass sie radikalisiert sind oder „gehirngewaschen“. Was kann nicht sein, was nicht sein darf: Dass muslimische Mädchen und Frauen den Schleier freiwillig und sogar gerne tragen, weil ihnen ihre Religion, ihr Glaube an Gott wichtig genug ist, um sich zu bedecken, das erscheint uns undenkbar, also kann es nicht sein.
Die Mehrheitsgesellschaft in Deutschland und den Nachbarländern ist derart stark von Vorurteilen über den Islam geprägt, dass wir oft nicht in der Lage sind, muslimischen Mädchen und Frauen die Deutungshoheit über ihre Bedeckung zu überlassen. Das sind allesamt rassistische Vorurteile, aber wir wollen diesen Rassismus oft nicht sehen. Und wir wollen nicht akzeptieren, dass die muslimischen Mädchen und Frauen das Recht haben, selbst darüber zu entscheiden, ob und wie sie ihren Körper verhüllen.
Nichts am Schleier ist so schlimm, wie es unsere Vorurteile sind und unser Zwang, Frauen gegebenenfalls gewaltvoll zu entschleiern. Dass es ein postkolonialistischer Blick auf muslimische Frauen ist, kommt uns gar nicht in den Sinn, dabei ist er genau das. Wir sehen die muslimischen Frauen aus der Perspektive der „Kolonialherren“ auf die „Wilden“ aus früheren Zeiten. Vor allem Frankreich hat die gewaltvolle Entschleierung der muslimischen Frauen während der Kolonialzeit durchgesetzt, und bis heute gilt uns Frankreich dafür als Vorbild, egal ob es um das Kopftuch, den Nikab oder den Burkini geht.
Für mich ist der Schleier nicht schlimm. Für mich wäre es schlimm, wenn mir verboten würde, mich zu verschleiern. Er ist Teil meiner Identität, meines Glaubens. Er gehört zu meiner Beziehung mit Gott. Er ist Ausdruck meiner Liebe zu Gott. Ohne meinen Schleier würde mir etwas fehlen. Ich wäre in gewisser Weise unsichtbar, weil ich ohne meinen Schleier gar nicht mehr die Person wäre, die ich nun einmal bin. Und so wie mir geht es auch vielen muslimischen Mädchen und Frauen.
Wir müssen unsere Vorurteile über den Schleier reflektieren. Wir müssen mit den verschleierten Frauen sprechen, nicht über sie. Wir müssen dann auch ernst nehmen, was sie sagen, nicht alles unter einen Vorbehalt stellen, ob es zu unseren Vorurteilen passt.