„Keine Frau trägt so etwas freiwillig!“, ist eine der Begründungen für ein Verbot von Nikab oder muslimischer verhüllender Frauenkleidung wie Dschilbab oder Burkini, die ich häufig höre. Frauen würden stets dazu gezwungen, es gäbe halt Druck aus dem sozialen oder familiären Umfeld oder sogar Zwang. Bestenfalls als radikalisierte Extremistin käme eine Frau auf die Idee, diese Kleidung freiwillig zu tragen.
Wer so etwas sagt, hat natürlich selbst in der Regel keinerlei Erfahrung mit Hidschab, Dschilbab, Abaya, Khimar, Nikab, Burkini oder was sonst und begnügt sich meist mit Bauchgefühl und Anekdoten.
Ich trage seit Jahren Dschilbab, Nikab und Handschuhe. Und diese Kleidung bereitet mir keinerlei Unbehagen – allenfalls manche Reaktionen meiner Mitmenschen auf meine Kleidung. Um ehrlich zu sein, BH, High Heels, Make-up, einteilige Badeanzüge und ganz besonders meine größte Nemesis, nämlich Jeanshosen, bereiten mir mehr Unbehagen. Sind für mich unbequemer, unangenehmer zu tragen. Und es gibt Kleidung, die ich aus religiösen Gründen niemals tragen würde.
Jede Frau hat ihre individuellen Vorlieben und Abneigungen gegen bestimmte Kleidungsstücke. Manche fühlen sich mit Hidschab, Nikab oder Burkini unwohl – allerdings wahrscheinlich eher, weil es für sie für ein bestimmtes Weltbild, für eine bestimmte Frauenrolle steht, ob nun berechtigt oder nicht. Ich meine, ich würde auch nicht freiwillig mit Minirock, tief ausgeschnittenem Oberteil, High Heels und viel Make-up in der Öffentlichkeit herumlaufen. Nur käme ich nie auf die Idee zu behaupten, dass keine Frau freiwillig so aufgebrezelt herumläuft.
Ich kenne viele Frauen, die sich mit dem Hidschab, mit dem Dschilbab, mit dem Nikab oder dem Burkini wohlfühlen. Die sich dadurch nicht eingeschränkt fühlen. Gerade der Burkini hat nicht einmal immer mit religiösen Überzeugungen zu tun.
Wenn ich Gottes Gebote beachte, dann fühle ich mich damit wohl. Ich liebe Gott, ich bin ihm dankbar, dass ich seine Barmherzigkeit und Hilfe erfahren darf. Und so geht es wohl auch jeder Muslima, wenn sie sich verschleiert. Es ist unser Gottesdienst, und wir tun es gerne.
Vorurteile über die Bedeutung des Hidschabs dürften einer der häufigsten Gründe sein, irrtümlich davon auszugehen, dass keine Frau sich freiwillig so kleidet – allenfalls, weil sie eine radikalisierte Extremistin ist. In unserer Kultur sind solche Vorurteile weit verbreitet: Der Hidschab stehe für die Unterdrückung der Frau, solle die Frauen davor bewahren, dass Männer über sie herfallen, er sexualisiere die Frauen, er entwürdige sie. Und natürlich würden die Frauen dazu gedrängt oder sogar gezwungen.
Natürlich gibt es Mädchen und Frauen, die zur Verschleierung gezwungen werden. Niemand wird das abstreiten. Und wir müssen diesen Mädchen und Frauen beim Empowering unterstützen – ohne Paternalismus, ohne Entmündigung. Verbote von Kopftuch, Burka oder Burkini helfen diesen Frauen nicht, ganz im Gegenteil. Genau wie wir unterdrückten jüdischen oder christlichen Mädchen beim Empowering helfen müssen; denn Misogynie ist kein auf den Islam beschränktes Problem. Es ist ein von Männern verursachtes Problem. Frauenfeindlichkeit hat ein Geschlecht, keine Religion. Und ja, strukturelle Misogynie haben wir auch im vermeintlichen „christlichen Abendland“ zur Genüge, Unterdrückung, verbale und tätliche Gewalt, sexualisierte Gewalt, versuchte und vollendete Femizide.
Wer aber muslimischen Mädchen und Frauen unterstellt, sie würden Hidschab, Niqab oder Burkini niemals freiwillig tragen, entmündigt sie. Er spricht ihnen einen eigenen Willen ab, er raubt ihnen ihr Recht auf Selbstbestimmung.
Mädchen und Frauen sind nur dann frei, wenn sie selbst frei über ihren Körper bestimmen können, auch darüber, wie sie ihn enthüllen oder verhüllen. Wenn sie eine Wahl haben – ohne Wahlmöglichkeit gibt es keine Freiheit. Diese Freiheit müssen wir jeder Frau ermöglichen, auch wenn wir ihre Entscheidungen nicht verstehen. Paternalismus steht immer auf dem Fundament patriarchaler Strukturen. Er entmündigt und bevormundet Frauen und nimmt ihnen die Möglichkeit, ihre Persönlichkeit frei zu entfalten.
Zu oft wird über die verschleierten Frauen gesprochen statt mit ihnen – als Alibi spricht man(n) dann mit Ex-Muslimas, die den Schleier abgelegt haben. Beruft man sich auf die Frauen im Iran und in Afghanistan, die angeblich gegen den Schleier kämpfen (tatsächlich aber nicht gegen den Schleier, sondern gegen den aufgezwungenen Schleier und die fehlende Freiheit, selbst zu entscheiden, jene Freiheit, die man muslimischen Frauen im Westen auch gerne nehmen würde).
Für muslimische Frauen, die sich verschleiern, ist der Schleier Ausdruck ihrer Liebe zu Gott. Es ist ein Gottesdienst, der auf derselben Stufe steht wie der Verzicht auf den Konsum von Alkohol oder Schweinefleisch. Und wer sich daran stört, dass nur Frauen sich verschleiern und nicht auch Männer, sollte einfach die Frauen fragen, ob sie das als ungerecht empfinden oder nicht, ehe man etwa fordert, dass auch Männer sich verschleiern müssten. Hinter dieser Beschwerde steckt meist wieder die Unterstellung, die Männer, die sich selbst locker und bequem kleiden, würden ihre Frauen zwingen, sich zu verschleiern. Dabei wird die eigene Religiosität und Frömmigkeit der Frauen geleugnet, als wären die Frauen nicht in der Lage, aus eigenem Antrieb ihre Religion ernst nehmen. Man hält Frauen für nicht fähig, zu eigenen religiösen Entscheidungen zu gelangen. Sie werden nur als unfreie Dienerinnen ihrer Männer gesehen. Diese Sichtweise presst Frauen in einen Opferstatus und spricht ihnen die Fähigkeit ab, selbständig religiöse Entscheidungen zu treffen – jedenfalls so lange diese Entscheidungen uns nicht gefallen.
Zu oft glauben die Menschen nicht, dass muslimische Mädchen und Frauen sich freiwillig entscheiden könnten, ihre Religion tatsächlich ernstzunehmen. Dass sie keinen Alkohol und kein Schweinefleisch konsumieren wollen, na gut. Das können diese Menschen noch halbwegs akzeptieren. Aber dass sie fünfmal am Tag beten wollen, dass sie religiösen Bekleidungsregeln folgen wollen – das halten sie für unmöglich. Was für ein Frauenbild ist das aber, das muslimische Mädchen und Frauen für unfähig hält, solche Entscheidungen zu treffen, die anderen Menschen aus welchen Gründen auch immer abwegig erscheinen? Die ihnen nicht gefallen?
Weil nicht gerade wenige Menschen den Islam, ob uns das nun bewusst ist oder nicht, für frauenfeindlich halten, glauben sie nicht, dass muslimische Mädchen und Frauen sich freiwillig dazu entscheiden, dem Islam samt Scharia und Hidschab-Regeln Raum in ihrem Leben zu geben. Wenn schon Islam, dann doch bitte ohne Scharia, ohne Hidschab, ohne Burkini, ohne Niqab. Ein bisschen Ethik und Spiritualität mit dem Etikett „Islam“, okay. Aber sobald ein muslimisches Mädchen oder eine muslimische Frau auch nur Anstalten macht, zum Hidschab zu greifen, meint man, sie vor dem frauenfeindlichen Islam beschützen zu müssen. Sie will nicht einsehen, dass der Islam frauenfeindlich ist? Dann muss sie belehrt werden. Dann duldet man keinen Widerspruch; man weiß es schließlich besser. Dann müssen Verbote her.
Wer Frauen nicht zutraut, in religiösen Fragen mündige Entscheidungen zu treffen, handelt frauenfeindlich. Er unterstellt ihr, dass sie zu emotional sei. Oder dass sie es nur aus Liebe zu einem Mann täte. Dass sie die Folgen nicht überblicken könne. Dass sie vor sich selbst beschützt werden muss. Sind die aufgeklärten Menschen des Westens nicht berechtigt, an Stelle der muslimischen Mädchen und Frauen über religiöse Themen, die sie betreffen, zu entscheiden? Schließlich hat der Westen Reformation, Aufklärung und Alice-Schwarzer-Feminismus vorzuweisen! Der Westen – so sieht er sich selbst in seiner grenzenlosen Überheblichkeit – ist schließlich weiter entwickelt als die Menschen, die noch an der Religion des Islam festhalten. Verpflichtet das nicht dazu, die Frauen vor dem Islam zu retten, jedenfalls, wenn es um den Hidschab oder gar den Nikab geht?
Immer wieder höre ich, solange die muslimischen Männer sich nicht verschleiern, sollten es die muslimischen Mädchen und Frauen auch nicht tun – nicht tun dürfen. Ist das nicht echte Gleichberechtigung? Ist das nicht echter Feminismus?
Der Feminismus der zweiten Welle setzt diese Grenze: muslimische Frauen, wenn sie denn schon meinen, den Islam praktizieren zu müssen, müssten das nur genauso wie die Männer tun, Unterschiede gelten als inakzeptabel.
Diese Beschränkung klingt nach Gleichberechtigung, ist es aber nicht.
Gleichberechtigt sind Frauen nur dann, wenn sie sich auch dafür entscheiden können, den Islam mitsamt Hidschab, mitsamt Burkini, mitsamt Nikab auszuüben. Sie müssen das auch nicht begründen. Und sie haben ein Anrecht, dass ihre Entscheidung akzeptiert und respektiert wird, ohne dass man versucht, sie zu belehren, sie zu bevormunden oder ihnen die Deutungshoheit zu entreißen und die Mündigkeit abzusprechen.
Eine Frau, die nur Kopie des Mannes sein darf und keine eigene, von Männern unabhängige Wirklichkeit ausgestalten darf, ist nicht frei. Sie ist nicht gleichberechtigt. Das ist der Irrtum des Zweite-Welle-Feminismus, dass Frauen frei sind, wenn sie wie die Männer sind und es keine Unterschiede gibt.
Frauen müssen selbst entscheiden können, wie sie ihre Freiheit ausgestalten. Für einige von uns Frauen heißt das, dass wir uns verschleiern, dass wir den Hidschab dem Minirock, den Burkini dem Bikini vorziehen. Wir wollen uns nicht vorschreiben lassen, wie wir unseren Glauben praktizieren, wie wir Gott dienen, wie unser Glaube sichtbar wird.
Wir sind nur frei, wenn wir die Deutungshoheit über unseren Glauben haben und ihn frei gestalten können, als mündige Personen, die nicht generell verdächtigt werden, bloß Anziehpuppen ihrer Väter, Ehemänner oder Brüder zu sein.