Eine sehr häufige Frage ist, wie es sich anfühlt, einen Schleier zu tragen.

Nun, für mich fühlt es sich ganz normal an. Jedenfalls so normal, wie es möglich ist, wenn man häufig angestarrt und oft beleidigt wird, wenn Menschen ein Foto von mir machen, ohne mich zu fragen, wenn sie über mich tuscheln und auf mich zeigen, wenn ich immer damit rechnen muss, angegriffen zu werden. 

Lassen wir das einmal weg, fühlt es sich für mich ganz normal an, Dschilbab, Nikab und Handschuhe zu tragen.

Ich fühle mich jedenfalls nicht „eingesperrt“ oder als wäre ich in einem „Käfig“ gefangen. Meine Sicht ist nicht so weit eingeschränkt, dass es mir Probleme bereitet (das hängt natürlich auch vom jeweils getragenen Nikab ab), mein Gehör ebenfalls nicht. Ich bekomme ganz normal Luft. Ich kann mich ganz normal bewegen (nur, wenn ich Treppen heruntergehe, muss ich genau aufpassen). Und im Sommer ist mir nicht zu heiß, jedenfalls nicht heißer als mit westlicher Kleidung.

Trage ich den Schleier, fühle ich mich Gott besonders nahe. Mehr als mit jeder anderen Kleidung fühle ich, dass ich mit mir selbst im Frieden bin. Ich fühle die Gegenwart Gottes – was aber wahrscheinlich weniger mit dem Schleier zu tun hat als vielmehr damit, dass sich dieses spirituelle Gefühl der Gegenwart Gottes bei mir immer dann einstellt, wenn ich seinen Willen tue. Es ist ein Gefühl der Geborgenheit, der Liebe Gottes. Ein geistliches Gefühl, das wahrscheinlich nur Menschen kennen, die ihr Leben bewusst mit Gott führen und nach seinem Willen fragen. 

Durch den Schleier fühle ich mich geschützt und befreit: Befreit von den Blicken, die wohl jede Frau nur zu gut kennt. Befreit von der Frage, wie ich möglichst gut aussehe – passen Kleidung, Schuhe, Handtasche und Make-up zusammen? Bin ich ansehnlich genug? Befreit von dem Wissen, dass meine Fähigkeiten vielfach nach meinem Aussehen beurteilt werden, dass mein Äußeres oftmals wichtiger ist als mein Inneres. Befreit von Catcalling und Anmachsprüchen. Geschützt vor den männlichen Blicken, die abschätzen, wie gut ich wohl im Bett bin. 

Ich freue mich über gute Begegnungen – etwa mit Kindern. Kinder sind meist neugierig. Und wenn ich ihnen zuwinke, dann winken sie fröhlich zurück. Manche, die mich schon kennen, winken mir von sich aus zu. Kinder sind so viel entspannter im Umgang mit uns, als es die Erwachsenen oftmals sind. Aber auch viele andere Begegnungen verlaufen angenehm. Manche beginnen schwierig, aber im Laufe des Gesprächs wird es dann oftmals besser.

Natürlich gibt es auch die andere Seite; Es ist in unserer Gesellschaft nicht einfach, einen Schleier zu tragen. Zahlreiche Klischees und Vorurteile begegnen mir. Nicht wegen des Schleiers – wegen des strukturellen Rassismus in unserer Gesellschaft. Wegen der von den Medien zu oft mit Bildern von Frauen wie mir verzierten Artikel über Islamismus und Terror. Seit 2001 ist das Bild, das die Medien von uns zeichnen, stark verzerrt. Ich habe übrigens festgestellt, dass die Farbe meines Schleiers wenig Einfluss darauf hat. Ob ich nun Schwarz trage (was ich bevorzuge) oder eine andere Farbe – die Reaktionen sind praktisch dieselben. Die Menschen reagieren auf Kleidung, die wie der Dschilbab oder die Abaya die Figur, Schultern und Haare mit einem weiten Schnitt verhüllt und wie der Nikab das Gesicht bedeckt (mit einer OP- oder FFP2-Maske anstelle eines Nikabs ist es nicht unbedingt anders). 

Und manchmal ist das ein wirkliches Hindernis. Und dann bin ich versucht, den Schleier abzulegen. Nicht, weil er sich schlecht anfühlt, sondern wegen der Menschen und ihrer Reaktionen. 

Ich danke Gott jeden Tag, dass er mir die Kraft gibt, den Schleier dennoch zu tragen. Manchmal ist es ein Kampf. 

So fühlt es sich also für mich an, den Schleier zu tragen. Ich möchte nicht darauf verzichten. Ihn mir zu verbieten, würde mir etwas wegnehmen. Einen Teil meiner Identität, meiner Persönlichkeit. Ohne meinen Schleier würde ich mich nackt und meiner Freiheit beraubt fühlen. Die Entfaltung meiner Persönlichkeit wäre stark eingeschränkt. 

Das lässt sich natürlich nicht verallgemeinern. Jede Frau, die den Schleier trägt, verbindet andere Gefühle damit. Manchmal negative Gefühle (vor allem, wenn sie dazu genötigt wird). Aber ich kann nur für mich sprechen: Für mich fühlt es sich ganz normal an. Ich fühle mich nicht unsichtbar, nicht versteckt, nicht unterdrückt, nicht meiner Freiheit beraubt.

Wer den Schleier probeweise trägt, für ein paar Stunden oder einen halben Tag, kann niemals wissen, wie es sich anfühlt, einen Schleier zu tragen. Das kann nur eine Frau wissen, die ihn in ihrem Alltag trägt, über Monate und Jahre. 

Darum weiß ich auch nicht, wie es ist, einen afghanischen Tschaderi („Burka“) oder einen iranischen Tschador zu tragen – da fehlt mir jede Erfahrung. 

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