Als weiße, christliche Frau bin ich stets nur indirektes Opfer von Rassismus, weil ich Rassismus nicht aufgrund meiner Herkunft oder Hautfarbe erfahre, sondern aufgrund meiner Kleidung, wegen derer als Muslima und als „nicht von hier“ gesehen werde. Ich werde falsch zugeordnet (wobei viele Muslimas tatsächlich Deutsche, sprich: „wirklich von hier“, sind).
Ich bin sehr privilegiert, das ist mir klar. Würde ich den Schleier ablegen, wäre ich nur noch eine blonde Deutsche mit deutschem Namen (nur um dann aus anderem Grund angegriffen zu werden: weil nicht „richtig weiblich“ nach den gängigen Geschlechterklischees).
Ich maße mir nicht an zu behaupten, dass ich persönlich Rassismus in demselben Maße erlebe wie Frauen, die aufgrund ihrer Herkunft, ihres Namens, ihrer Hautfarbe oder was sonst rassifiziert und darum diskriminiert werden.
Auch wenn ich nicht direkt und persönlich Opfer von Rassismus werde: da die Täter mich rassifizieren und aus rassistischen, islamfeindlichen Motiven handeln, bleibt es eine rassistische Tat. Sie gilt muslimischen Frauen, die als solche erkennbar sind. Sie erfolgt aufgrund rassistischer, menschenfeindlicher Gründe.
Ob ich als Opfer „falsch“ bin, spielt dabei keine Rolle. Es zählt das Tatmotiv: Rassismus, Hass auf Muslimas und Muslime, Hetze gegen angeblich „Fremde“ (in diesen Zusammenhängen von Fremdenfeindlichkeit zu sprechen reproduziert übrigens die Täterperspektive – es geht stets um den Rassismus der Täter, die ihre Tat mit dem angeblichen Fremdsein des Opfers rechtfertigen).
Für mich ist entscheidend, dass ich in den Riss zwischen der Mehrheitsgesellschaft und den muslimischen Frauen trete, in ihre Mitte (das ist christlich gesprochen das Prinzip der „Missio Dei“). Ich beziehe meinen buchstäblichen Standpunkt dort, wo Frauen angegriffen werden. Ich werde eine von ihnen, mache mich ihnen gleich und stelle mich mit ihnen den Angriffen, dem Hass, den Rassismus – gebe meine Privilegien am Kleiderschrank ab. Es sind meine Schwestern, die Rassismus erfahren, und in dieser Situation stehe ich bei ihnen.