Warum, so werde ich ab und an gefragt, helfe ich gerade denen, also muslimischen Nikab-Trägerinnen? Ausgerechnet als trans Frau? Mir müsste doch klar sein, dass diese Frauen queere Menschen und eben auch trans Personen wie mich ablehnen.

Warum also setze ich mich ausgerechnet für diese Frauen ein?

Der Weg, den Gott mir gewiesen hat

Nun, ich glaube, dass Gott mich dazu berufen hat, mit diesen Frauen, die von der Mehrheitsgesellschaft mehrheitlich abgelehnt werden (ca. 60 % der Deutschen fordern ein Burkaverbot), solidarisch zu sein. Ich habe mir das nicht ausgesucht, sondern ich möchte den Weg gehen, den Gott mir gezeigt hat. 

Und ja, viele dieser Frauen sind, was queere Menschen und halt auch trans Personen wie mich betrifft, eher ablehnend, viele sind sicherlich auch feindlich eingestellt. Das ist freilich etwas, was kein Alleinstellungsmerkmal der Nikab-Trägerinnen ist. Das verbindet sie auch mit sehr vielen Christen, insbesondere konservativen und evangelikalen Christen. Ich habe ja einen evangelikalen Hintergrund und weiß, was dort oft über queere Menschen und trans Personen gelehrt und gepredigt wird. Es unterscheidet sich nicht wirklich von dem, was diese Frauen glauben. 

Gott will aber offensichtlich, dass ich mit diesen Frauen solidarisch bin und für ihre Rechte eintrete, mich einsetze für das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit, ungestörte Religionsausübung und Selbstbestimmung. Und ich bin mir sicher, er hat sich etwas dabei gedacht, dass er ausgerechnet mich, eine trans Frau, dazu berufen hat. Ich weiß nicht, was es ist, nur, dass er sich dabei etwas gedacht hat. Und Gott weiß es sicherlich am besten. Und so gehe ich diesen Weg.

Nächstenliebe gerade auch für die, die uns ablehnen

Ein Punkt ist sicherlich: Für die eigenen Leute einsetzen, das können alle, das tun auch die „Sünder“, wie es in der Bibel heißt. 

Als Christen sollen wir uns aber auch für die starkmachen, die nicht zu unseren eigenen Leuten gehören, sogar für die, die uns ablehnen oder sogar feindlich gesinnt sind (Matthäus 5,46; Lukas 6,32-33).

Wer schwach ist, etwa weil marginalisiert, hat meiner christlichen Überzeugung nach ein Recht auf den bedingungslosen Beistand der Christen. Sie müssen sich unseren Beistand nicht erst verdienen, indem sie uns nicht mehr ablehnen oder uns sogar freundlich gesinnt sind. Unser Beistand ist keine Medaille für Wohlverhalten uns gegenüber. Christlicher Glaube beweist sich gerade darin, wie wir mit denen umgehen, die uns ablehnen oder feindlich gesinnt sind. 

Siehe Jesus, der, als er verhaftet wurde, einem der Soldaten das abgeschnittene Ohr heilte (Lukas 23,51). 

Wir sind als Christen zur Feindesliebe berufen. Unsere Nächstenliebe gilt auch denen, die uns ablehnen oder unsere Feinde sind oder die uns verfolgen. Das ist für uns keine Option, sondern ein göttliches Gebot. 

Im Gleichnis vom barmherzigen Samaritaner geht es nicht darum, dass wir den lieben sollen, der uns am nächsten ist. Nein, es geht darum: Wer ist dem, der in einer Notlage ist, der Nächste? Wer ist am nächsten, um diesen Menschen zu helfen? Nächstenliebe legt den Fokus auf die Frage, wem kann ich der Nächste sein und ihm oder ihr meine Liebe erweisen? 

Religionsfreiheit

Als Baptistin bin ich dem Einsatz für die allgemeine Religionsfreiheit verpflichtet. Das gehört seit dem frühen 17. Jahrhundert zu unseren Grundüberzeugungen. Wir setzen uns nicht nur für unsere eigene Religionsfreiheit ein, sondern für die Religionsfreiheit aller Menschen. Julius Köbner, einer der Gründerväter des kontinentaleuropäischen Baptismus, forderte 1848 in seinem „Manifest des freien Urchristenthums an das deutsche Volk“:

„Wir behaupten nicht nur unsre religiöse Freiheit, sondern wir fordern sie für jeden Menschen, der den Boden des Vaterlandes bewohnt, wir fordern sie in völlig gleichem Maße für Alle, seien sie Christen, Juden, Muhamedaner oder was sonst. Wir halten es nicht nur für eine höchst unchristliche Sünde, die eiserne Faust der Gewalt an die Gottesverehrung irgend eines Menschen zu legen, wir glauben auch, daß der eigene Vortheil jeder Partei ein ganz gleichmäßiges Recht aller erheische.“

Ich kenne nicht viele Menschen, die sich für die Religionsfreiheit jener muslimischen Frauen einsetzen, die sich verschleiern. Darum sehe ich hier eine wichtige Aufgabe, die ich übernommen habe. Ich setze mich ein gegen jede, wie Köbner es nannte, „eiserne Faust der Gewalt an die Gottesverehrung“ muslimischer verschleierter Frauen, in der Form von Burkaverboten, Burkiniverboten oder Kopftuchverboten. Jede muslimische Frau muss das Recht haben, Gott auf die Weise zu verehren, die ihr angemessen erscheint, ohne dass der Staat ihr dieses Recht mit Gewalt nimmt. 

Als Baptistin möchte ich, dass jede Muslima sich so verschleiern kann, wie es ihrem Glauben entspricht. 

Feminismus

Ich bin eine feministische Christin, ich vertrete einen intersektionalen Feminismus, der auch muslimische Frauen einbezieht. Ich bin für das Recht jeder Frau, dass ihr Körper allein ihrer Autonomie untersteht, und das gilt auch für die Frage, wie sie diesen Körper kleidet. Und ich lehne als Feministin jeden Paternalismus ab, der glaubt, er habe die Deutungshoheit über das Thema Verschleierung der muslimischen Frau, der glaubt, er dürfe muslimische Frauen, die sich verschleiern, entmündigen und bevormunden, als seien sie unmündige Kinder. 

Soweit es Frauen betrifft, die zur Verschleierung gezwungen werden, sind Verbote von Kopftuch, Burkini oder Schleier wirkungslos und sogar in der Regel für die Frauen nachteilig. Eine solche Frau wird noch auf vielfältige andere Weise unterdrückt, und meist ist der Schleier eines der kleineren Übel. Eine „Befreiung“, die nur den Schleier wegnimmt, bewirkt für diese Frauen keine Besserung. Was sie brauchen, ist Hilfe zur Selbstermächtigung, zur Selbstemanzipation, ist Unterstützung, die nicht bevormundend ist, sondern die Frau in die Rolle versetzt, sich selbst zu befreien. 

Ich argwöhne ohnehin, dass die meisten Ansätze, verschleierte Frauen zu „befreien“, gegebenenfalls auch mit Verboten, Zwang und Strafen, mit Feminismus nicht das Geringste zu tun haben, sondern lediglich die Frauenrechte für die eigene nationalistische Agenda instrumentalisieren (Femonationalismus). Es geht nicht um Hilfe für die Frauen, sondern darum, dass verschleierte Frauen aus dem Stadtbild verschwinden, dass sie unsichtbar werden. Das ist nicht Feminismus, das ist Rassismus. Er befreit Frauen nicht, sondern nimmt ihnen ihre Rechte. 

Gerade, weil ich trans bin!

Sehr viele trans Personen setzen sich für das Recht muslimischer Frauen ein, über ihre Kleidung selbst zu bestimmen.

Wir wissen aus eigener Erfahrung, wie es ist, wenn einem die Autonomie über den eigenen Körper, das Selbstbestimmungsrecht über das eigene Leben streitig gemacht wird. Wir kennen die Not, uns nicht frei entfalten zu können, unser Leben nicht frei von Bevormundung und Einschränkungen leben zu können.

Auch das ist für mich ein Grund, mich für diese Frauen einzusetzen. Ich kenne ihre Lage, ebenso auch die Anfeindungen, mit denen sie konfrontiert werden, weil sie anders sind. Wir sitzen im selben Boot, erleben die gleiche Ablehnung, die gleichen Anfeindungen, die gleichen Einschränkungen. Sie erleben Islamfeindlichkeit und Rassismus, wir erleben Transfeindlichkeit. Für viele von uns erwächst daraus die Bereitschaft, uns für sie einzusetzen. So, wie wir frei leben wollen, sollen auch sie frei leben können.

Angst

Ich werde ab und zu gefragt, ob ich denn keine Angst hätte, dass ich angegriffen werde, wenn die Frauen (oder ihre Angehörigen) erfahren, dass ich eine trans Frau bin. Nein, davor habe ich keine Angst. 

Gott hat mich berufen, diesen Weg zu gehen, und mein Leben und meine Gesundheit liegen in seiner Hand. Es wird nichts geschehen, was er nicht zulässt – und ich kann niemals tiefer fallen als in seine Hand. 

Ich habe tatsächlich eher Angst, von Rassisten oder Rechtsextremisten angegriffen zu werden. Eine Gefahr, die sicherlich sehr viel realer ist. Auch da: Ich bin in Gottes Hand, mir kann nichts geschehen, was er nicht zulässt. 

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