In einem sozialen Netzwerk lese ich diesen Post:
„Gerade kam mir ein Mensch in einer Burqa entgegen (vollverschleiert, mit Netz vor den Augen). Sie tut mir leid.“1
Bitte reagiert so nicht auf eine von uns Nikab-Trägerinnen (ich nehme an, er meint Nikab, nicht Burka). Es gibt im Allgemeinen2 keinen Grund für Mitleid, weil wir nicht leiden.
Ich kenne nicht eine Nikab-Trägerin in Deutschland, die darunter leidet, einen Nikab zu tragen (außer an den Reaktionen, den abfälligen Kommentaren, Beleidigungen, Angriffen). Warum auch? Es ist nichts Schlimmes daran, vollverschleiert zu sein. Keine der Frauen, mit denen ich gesprochen habe, leidet darunter.
Natürlich wird es nicht jeder Frau gefallen. Aber es gefällt natürlich auch nicht jeder Frau, High Heels, einen Minirock, einen BH oder was sonst zu tragen. Persönlich mag ich keine Jeanshosen. Tun mir Frauen leid, die Jeanshosen, High Heels, Miniröcke usw. tragen, die viel Haut zeigen? Natürlich nicht.
Ich trage jetzt seit bald sieben Jahren Dschilbab, Handschuhe und Nikab (und den Nikab oft mit einem zusätzlichen Netz vor den Augen). Und ich leide nicht darunter. Der Schleier schränkt mich nicht im Geringsten ein. Ganz im Gegenteil, ich fühle mich wohl damit. Es ist meine Entscheidung. Mein Schleier bedeutet für mich Schutz und Freiheit. Er ist Ausdruck meiner Liebe zu Gott, wenn ich den Weg gehe, den er mir aufgezeigt hat. Ich vertraue den guten Wegen, die Gott mir zeigt.
Der Schleier bietet mir sogar viele Vorteile, die ich nicht missen möchte. Einer besteht darin, dass er es unmöglich macht, mich aufgrund meiner körperlichen Erscheinung zu beurteilen (was gerade bei Frauen laufend geschieht). Es bleibt den Menschen nur, sich mit meinen inneren Werten zu beschäftigen (oder ihren Vorurteilen zu erliegen, die sie mit meinem Schleier verbinden). Und diese inneren Werte gehören nicht zu einer schwachen, ohnmächtig leidenden Frau. Sie gehören zu einer Frau, die selbstbestimmt glaubt und lebt, die frei ist.
Und wenn nun jemand sagt, „sie tut mir leid“, dann erlegt mir das eine Opferrolle auf, dann entmündigt mich das.
Es redet meine Art, mein Leben zu führen und meinen Glauben zu praktizieren, klein, es reduziert mich auf eine „bemitleidenswerte Person“, auf ein Opfer, schwach, ohnmächtig und hilflos. Die Frau, die ich tatsächlich bin, die ein freies, selbstbestimmtes Leben führt, wird unsichtbar gemacht. Mein Glaube wird nicht ernst genommen, er wird entwertet.
Das ist frauenfeindlich, weil es ein bestimmtes Klischee verbreitet: Frauen müssen sich eher ausziehen statt anziehen, damit sie nicht als „leidend“ wahrgenommen werden. Nur die eher ausgezogene Frau ist angeblich frei. Die sich bedeckende, verhüllende Frau sei zwangsläufig unfrei, sei ein Opfer. Sie sei leidend.
Der nächste Schritt ist dann der Paternalismus, der mit Verboten daher kommt, um uns zu „befreien“3, gegebenenfalls mit Zwang, es sei ja nur zu unserem Besten.
Nein.
Wir führen das Leben, das wir selbst führen wollen. Das beste Leben, denn wir wissen: Gott hat es für uns vorgesehen, weil er am besten weiß, was gut für uns ist, was das Beste für uns ist.
Und dafür wollen wir nicht bemitleidet werden, dafür wollen wir nicht in einen Opferstatus gepresst werden, nicht entmündigt werden.
Wir wollen als frei lebende Frauen respektiert werden.
1 Quelle
2 Eine Ausnahme wäre Zwang. Aber das kommt in deutschsprachigen Ländern allenfalls sehr selten vor, weil sich die meisten Nikab-Trägerinnen bewusst dafür entschieden haben, oft gegen den Druck aus dem familiären und sozialen Umfeld.
3 Frauen, die tatsächlich dazu gezwungen werden, brauchen keine Verbote, sondern Unterstützung, um sich selbst zu ermächtigen und selbst zu verwirklichen. Das auch, weil der Zwang zum Schleier mit größter Wahrscheinlichkeit nicht die einzige Form der Unterdrückung ist, nicht einmal die schlimmste, die diese Frauen erfahren.