Heute vor 25 Jahren entführten Terroristen in den USA mehrere Flugzeuge, eines wurde vor dem Ziel von Passagieren zum Absturz gebracht, zwei rasten ins World Trade Center in New York und eines ins Pentagon in DC. Schnell gab es Hinweise, dass die Attentäter zu Al-Kaida gehörten, gegründet und angeführt von Osama bin Laden, einem aus Saudi-Arabien stammenden Terroristen, der sich zu dem Zeitpunkt im von den Taliban kontrollierten Afghanistan versteckt hielt. 

Und danach dauerte nicht lange, da zog ein neuer Begriff in die Medien ein: „Burka“. Berichte aus Afghanistan wurden mit Bildern von Frauen im Tschaderi garniert, der im Englischen als „Burqa“, im Deutschen dann als „Burka“ bezeichnet wurde.

In Deutschland lebten schon seit den 1970er Jahren muslimische Frauen, die meist den arabischen Nikab, manchmal einen nordafrikanischen Haik trugen, aber sie erregten keine Aufmerksamkeit. Sie galten eher als exotisch – und manch ein deutscher Mann träumte von erotischen Abenteuern mit exotischen Frauen unter dem Schleier. Man nannte es „Gesichtsschleier“, es war selten und ungewohnt, aber alles war gut. 

Auch der Begriff „Burka“ war vor 2001 in Deutschland nicht unbekannt, allerdings bezeichnete er nicht den afghanischen Tschaderi, sondern den manchmal schwarzen, manchmal bunten, manchmal reicht verzierten Gesichtsschleier der muslimischen Frauen am Persischen Golf und in den umliegenden Ländern. Auch er galt vor allem als exotisch und war ein beliebtes Fotomotiv westlicher Touristen am Golf. 

Nun aber kam Nine-Eleven, nun kamen nach einer Weile die Berichte und Fotos aus Afghanistan, stets zu sehen: Frauen im überwiegend blauen Tschaderi, als „Burka“ bezeichnet. 

Obwohl keine einzige Frau in „Burka“ an Nine-Eleven beteiligt war, wurden sie zur Bildmarke des „islamischen Terrors“, des „Dschihadismus“.

Und bald traten arabische Frauen in schwarzer „Vollverschleierung“ mit Nikab an ihre Seite, um diese Bildmarke zu ergänzen. Schließlich gab es in Deutschland keine Frauen in „Burka“, nur mit dem Nikab, beide mit bedecktem Gesicht, also wurde eine Verbindung gezogen. 

Die Franzosen bevorzugen für den arabischen Nikab die Bezeichnung „voile intégral“, woraus die Berliner taz zuerst „Integralschleier“ machte, andere deutsche Medien hingegen „Vollverschleierung“, was sich dann neben „Burka“ durchzusetzen begann. Irgendwann fiel auf, dass keine muslimische Frau in Deutschland tatsächlich eine afghanische „Burka“ trug, aber das tat der Beliebtheit des Begriffs keinen Abbruch. 

Die Bilder von Frauen mit afghanischem Tschaderi und arabischem Nikab waren nun im Zusammenhang mit Berichten über „islamischen Terrorismus“, „Dschihadismus“, „Islamischer Staat“ usw. ständig zu sehen. Die Medien, die extreme Rechte und die Rassisten liebten Bilder vollständig verschleierter Frauen (im afghanischen Tschaderi oder mit Nikab, uns am liebsten ganz in Schwarz) als Illustration zu Berichten über Terrorismus.

Die Medien und die Rechten haben schnell erkannt, dass sich das Bild der verschleierten Frau (gerne auch die Frau mit Kopftuch von hinten fotografiert) gut verkauft, dass es Aufmerksamkeit und Auflage generiert. Wir sind zum Symbol für Terror und Gefahr geworden, für „Islamismus“ und „Islamisierung“. Wir werden kriminalisiert, stigmatisiert und dämonisiert.

Als normale Frauen kommen wir nicht vor, nur im Kontext von Islamismus, „politischem Islam“, drohender Gefahr und Terrorismus. Das prägt die öffentliche Wahrnehmung bis heute, obwohl nur eine Minderheit Sympathien für extremistische Bewegungen wie den IS aufweist. Die meisten von uns wollen nur ihr Leben in Ruhe leben, ihren Glauben in Frieden praktizieren. Aber wir werden auf den Nikab reduziert, dämonisiert und entmenschlicht. Man redet über uns, nicht mit uns. Wir sind angeblich entweder das Opfer von Unterdrückung und Zwang – oder die Extremistin, die Gefährderin. 

Wir existieren für die Mehrheitsgesellschaft nur in Verbindung mit dem Nikab. Wer wir tatsächlich sind, was uns ausmacht, was hinter dem Schleier ist, bleibt unsichtbar, weil es niemanden wirklich interessiert. Wir sind aber mehr als unser Nikab. Ja, er ist Teil unserer Identität. Aber wir sind mehr als das. Aber wen interessiert, wer wir sind? 

Seit Nine-Eleven sind viele Vorurteile über uns im Umlauf, prägen Klischees das Bild, das man sich von uns macht. Wir werden als das Gesicht des Terrors, des Islamismus, der Islamisierung, von Frauenfeindlichkeit und Unterdrückung gesehen. 

Immer wieder wird gefordert, dass der Nikab verboten wird – und dass wir damit unsichtbar werden. Denn im Idealfall soll die Frau nicht den Nikab ablegen, sondern das Haus nicht mehr verlassen, aus der Öffentlichkeit verschwinden. In Belgien, Frankreich, Dänemark, Österreich, der Schweiz und anderen Ländern ist das bereits gelungen, in Deutschland nur teilweise, etwa aus dem Straßenverkehr. Begründung für die Verbote: Bauchgefühl, Vorurteile, Klischees. Alles postfaktisch; denn Fakten oder was wir selbst zu sagen haben, interessiert nicht (oder wir werden als „brainwashed“ betrachtet). Die Forderungen kommen praktisch immer in Verbindung mit Islamfeindlichkeit und Rassismus, oft hat sich Nationalismus mit Feminismus getarnt, obwohl man sich sonst nicht für das Wohlergehen der Frauen und feministische Anliegen einsetzt. Das ist Femonationalismus, der Frauenrechte für die rassistische Agenda instrumentalisiert. 

Und ja, diese Vorurteile und Klischees, die Anfeindungen machen etwas mit uns.

In mir stärken sie ein Gefühl des „Jetzt erst recht!“. Ich bin sichtbar als Nikabi, damit meine Schwestern wissen, dass sie nicht alleine sind, dass sie von mir nichts zu befürchten haben. Ich begrüße sie mit „Salam aleikum“, Friede sei mit dir, uns das ist nicht nur eine Floskel. Ich wünsche meinen Schwestern Frieden und trete für sie ein. 

Ich bin sichtbar; denn Sichtbarkeit schafft Sicherheit und schafft Raum für Teilhabe.

Ohne Nine-Eleven und die Flut von Bildern verschleierter Frauen und besonders der Dämonisierung von Nikabis wäre ich heute vielleicht keine Nikabi. Insofern hat Nine-Eleven auch mit mir zu tun.

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