Eine christliche Seite über die Verschleierung – da darf selbstverständlich eine Betrachtung von 1. Korinther 11,2–16 „Mann und Frau im Gottesdienst: Die Frage der Kopfbedeckung“1 nicht fehlen. Es ist der einzige Abschnitt im Neuen Testament, der den Schleier der Frau erwähnt.

Bei oberflächlicher Lektüre scheint Paulus hier anzuweisen, dass Frauen einen Schleier tragen sollen, zumindest im Gottesdienst. Aber so einfach ist es nicht. 1. Korinther 11,2–16 gehört zu den schwer verständlichen Texten des Paulus, der mehr Fragen aufwirft als Antworten gibt.

Beginnen wir mit der ersten Schwierigkeit: Wir können davon ausgehen, dass Paulus hier auf eine Anfrage der Christen in Korinth antwortet. Aber diese Anfrage ist nicht überliefert. Wir lesen nur die Antwort des Paulus. 

Die zweite Schwierigkeit ist der offensichtliche Bruch zwischen den Versen 9 und 10. Vers 10 enthält im griechischen Grundtext eine merkwürdige Formulierung, die in deutschen Übersetzungen meist unsichtbar bleibt. Ich versuche einmal eine grundtextnahe Übersetzung: „Darum hat die Frau Vollmacht über ihr Haupt: wegen der Engel.“ Die übliche deutsche Übersetzung „Darum soll die Frau eine Macht auf dem Haupt haben um der Engel willen“ (so nach der Elberfelder Übersetzung) ist eher eine Übertragung., weil das im Griechischen für Vollmacht stehende Wort eigentlich „Vollmacht über etwas haben“ bedeutet und nicht mit „eine Macht auf dem Haupt haben“ übersetzt werden kann. Außerdem stellt sich die Frage, was mit dem Verweis auf die Engel gemeint ist. Und um was für Engel handelt es sich? 

Die dritte Schwierigkeit ist eine Formulierung in den Versen 13–15. Im Griechischen stehen sie nicht als Frage, sondern als Aussage formuliert: „Bei euch selbst urteilt: Es ist geziemend, dass eine Frau unverhüllt zu Gott betet. Auch nicht die Natur selbst lehrt euch, dass (...) wenn aber eine Frau langes Haar hat, es eine Ehre für sie ist.“ Der Verweis auf die Natur ist übrigens nicht gerade typisch für Paulus. 

In diesem Vers 15 wird das einzige Mal im ganzen Abschnitt das Wort „Schleier“ verwendet: „Denn das Haar ist ihr anstatt eines Schleiers gegeben.“ 

Die vierte Schwierigkeit ist die Frage, um was für eine „Kopfbedeckung“ es sich eigentlich handelt. Es wird zwar in Vers 15 der Schleier erwähnt, aber hier ist die Bedeutung vom griechischen Grundtext eher „Umhang“ oder „Umhüllung“. So haben sich im Laufe der Zeit sehr unterschiedliche Annahmen entwickelt, was für eine Kopfbedeckung denn nun zu tragen sei. 

Es gibt noch weitere Schwierigkeiten in diesem Text. Wir müssen schließlich zugeben (auch wenn Theologen das schwerfällt), dass wir tatsächlich nicht wissen, was Paulus hier eigentlich sagen will. Wir werden ihn eines Tages selbst fragen müssen.

Zum Schluss noch ein Blick auf Vers 16. Wörtlich übersetzt lesen wir dort: „Wenn aber jemand meint, rechthaberisch zu sein, so bedenke er: Wir haben solche Gewohnheit nicht, auch nicht die Gemeinden Gottes.“ Um welche „Gewohnheit“ geht es hier? Um die Rechthaberei oder um die Verschleierung? Es wäre seltsam, wenn Paulus Rechthaberei nur als „Sitte“ betrachtet, nicht als Sünde. Es spricht also einiges dafür, dass es hier um die Verschleierung geht. 

Und so gibt es auch sehr verschiedene Auslegungen. Die wichtigsten Auslegungen:

  1. Die klassische Auslegung: Paulus ordnet an, dass Frauen im Gottesdienst ihr Haupt mit einem Schleier bedecken sollen
  2. Eine neuere Annahme: Paulus merkt etwa in der Mitte des Abschnitts, dass er sich verrannt hat, und setzt zu einer neuen Argumentation an
  3. Die kritische Auslegung: Paulus ordnet an, dass die Frauen in der christlichen Gemeinde in Korinth sich an die Sitten ihrer Umgebung2 halten sollen
  4. Wie 3., aber die Regel soll nicht nur für freie, verheiratete Frauen gelten, sondern auch für unfreie Frauen und Sklavinnen, die zur Gemeinde gehörten
  5. Die Zitattheorie: Paulus zitiert in der ersten Hälfte des Abschnitts die Korinther, um dann in der zweiten Hälfte ablehnend darauf zu antworten (gegen die Verschleierung der Frauen)

Die fünfte Auslegung besagt, dass Paulus die Verschleierung der Frau im Gottesdienst ablehnt. 

Ganz ehrlich: Ich weiß nicht, welche dieser Auslegungen stimmt. Und wenn wir Theologen ehrlich sind: Keiner von uns weiß es. Wir können nur raten. Und die meisten Ausleger kommen zu der Auslegung, die ihnen am besten gefällt.

Für mich sind folgende Punkte wichtig:

  1. Wenn Frauen einen Schleier tragen sollen, dann alle Frauen. In der Antike war es üblich, dass nur freie und gesellschaftlich hochstehende Frauen einen Schleier tragen durften. Frauen niederen Standes, unfreien Frauen, Sklavinnen und Prostituierten war dies verboten. Diese Sitten galten auch bei den Römern und auch während kultischer Versammlungen. Paulus aber will nicht, dass diese Unterschiede in der christlichen Gemeinde sichtbar werden. Entweder tragen alle Frauen einen Schleier – oder keine. Denn, so schreibt er an die Christen in Galatien: „In Christus seid ihr alle eins, da gibt es nicht Juden und Griechen, nicht männlich und weiblich, nicht Sklave und Freier“3. Der Text unterscheidet nicht zwischen den verschiedenen Ständen, die Sklavin gehört ebenso zur Gemeinde Christi wie die freie Frau. 
  2. Ich lese aus dem Text heraus, dass Christen sich, was ihre Kleidung betrifft, in der Regel den Sitten ihrer Umgebung anpassen sollen, es also keine spezielle Kleiderordnung für Christen gibt. 

Es spricht aber tatsächlich einiges dafür, dass Paulus sich gegen die Verschleierung der Frauen ausspricht. Das würde dann allgemein gelten, nicht nur für die Gemeinde in Korinth. 

Dass ich den Schleier trage, hat allerdings nichts mit 1. Korinther 11,2–16 zu tun, sondern damit, dass ich glaube, dass das Gottes Wille für mich ist - und nicht etwa für alle Christinnen. Und das auch weniger im Gottesdienst als vielmehr im Alltag. 

Aus Römer 14–15 lese ich heraus, dass wir nicht übereinander urteilen sollen – sicherlich auch nicht über Fragen der Kleidung. Und dass ich von keiner Frau verlangen darf, dass sie sich verschleiert – oder ihren Schleier ablegt. Doch niemand darf in eine innere Not geraten. Und zuletzt: Was nicht aus Glauben geschieht, ist Sünde. 


1 So die Überschrift in der Neuen Genfer Übersetzung.

2 Korinth war eine römische Kolonie in Griechenland, erbaut auf den Ruinen der antiken griechischen Stadt Korinth. Dort wurden römische Sitten befolgt: Bei rituellen Kulthandlungen durfte nur der Mann, der ihr präsidierte, eine Kopfbedeckung tragen, alle anderen Männer nicht. Zugleich mussten alle freien und verheirateten Frauen (nicht aber Sklavinnen) einen Schleier tragen.

3 Galater 3,28

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