Eine häufige Frage unter Christ*innen, die sich für ihr geistliches Leben an der Bibel orientieren wollen, ist, ob Paulus in seinem ersten Brief an die Korinther fordert, dass Frauen im Gottesdienst eine Kopfbedeckung tragen sollen1 – und wenn ja, ob das auch für uns heute gilt.
Die traditionelle Antwort lautet „ja und ja“. Und wenn man den Text in einer gewöhnlichen deutschen Bibelübersetzung liest, dann scheint das auch die richtige Antwort zu sein. Allerdings scheinen die üblichen Übersetzungen der Annahme zu folgen, dass Paulus die Kopfbedeckung fordert. Es bleibt die Frage, ob die Übersetzungen hier gleich eine Auslegung mitliefern.
Ich möchte darum 1. Korinther 11,2–16 „Mann und Frau im Gottesdienst: Die Frage der Kopfbedeckung“2 etwas eingehender betrachten. Es ist der einzige Abschnitt im Neuen Testament, der den Schleier der Frau ausdrücklich erwähnt.
1. Korinther 11,2–16 gehört, wenn man etwas tiefer gräbt, zu den am schwersten verständlichen Texten des Paulus, der weit mehr Fragen aufwirft, als dass er Antworten gibt.
Inhaltsverzeichnis
Schwierigkeiten bei der Auslegung des Textes
Fehlender Kontext
Beginnen wir mit der ersten Schwierigkeit: Wir können davon ausgehen, dass Paulus hier auf eine Anfrage der Christen in Korinth antwortet. Aber diese Anfrage ist nicht überliefert. Wir lesen nur die Antwort des Paulus. Und damit fehlt uns der Zusammenhang. Welche Position haben die Korinther eingenommen? Welche Fragen hatten sie an Paulus? Wie haben sie ihre Positionen begründet? Es ist nicht möglich, aus dem uns vorliegenden Text diese Fragen zu beantworten und damit zu einem besseren Verständnis unseres Textes zu gelangen.
Was ist mit „Macht“ gemeint?
Nun die zweite Schwierigkeit. Vers 10 enthält im griechischen Grundtext eine merkwürdige Formulierung, die in deutschen Übersetzungen meist unsichtbar bleibt. Ich versuche einmal eine grundtextnahe Übersetzung: „Darum hat die Frau Vollmacht über ihr Haupt: wegen der Engel.“
Die übliche deutsche Übersetzung „Darum soll die Frau eine Macht auf dem Haupt haben um der Engel willen“ (so nach der Elberfelder Übersetzung3) ist eher eine Übertragung., weil das im Griechischen für Vollmacht stehende Wort eigentlich „Vollmacht über etwas haben“ bedeutet und nicht mit „eine Macht auf dem Haupt haben“ übersetzt werden kann.
Außerdem stellt sich die Frage, was mit dem Verweis auf die Engel gemeint ist. Und um was für Engel handelt es sich? Das sind Fragen, auf die die Auslegung nur mit Vermutungen antworten kann4.
Ein Bruch in der Argumentation
Die dritte Schwierigkeit: Wenn wir genau hinschauen, erkennen wir zwischen den Versen 10 und 11 einen Bruch in der Argumentation des Paulus (wobei manche5 den Bruch sogar schon zwischen den Versen 9 und 10 sehen).
Manche deuten es so, dass bis Vers 10 (oder 9) die Position der Korinther zitiert wird und danach die Entgegnung des Paulus beginnt.
Eine andere Deutung ist, dass Paulus gemerkt habe, dass er sich in seiner Argumentation verrannt habe und in Vers 11 neu ansetzt.
Frage oder Feststellung?
Die vierte Schwierigkeit ist eine Formulierung in den Versen 13–15. Im Griechischen stehen sie nicht als Frage, sondern als Aussage formuliert, wie die folgende wörtliche Übersetzung zeigt: „Bei euch selbst urteilt: Es ist geziemend, dass eine Frau unverhüllt zu Gott betet. Auch nicht die Natur selbst lehrt euch, dass (...) wenn aber eine Frau langes Haar hat, es eine Ehre für sie ist.“
Der Verweis auf die Natur ist nebenbei bemerkt nicht gerade typisch für Paulus.
In diesem Vers 15 wird das einzige Mal im ganzen Abschnitt das Wort „Schleier“6 verwendet: „Denn das Haar ist ihr anstatt eines Schleiers gegeben.“
Was für eine Kopfbedeckung?
Die fünfte Schwierigkeit ist die Frage, um was für eine „Kopfbedeckung“ es sich eigentlich handelt.
Es wird zwar in Vers 15 der Schleier7 erwähnt, aber ansonsten ist im griechischen Grundtext die Rede von etwas, das vom Haupt herabhängt (wörtlich „hinab über das Haupt haben“) oder von „Verhüllung“ oder „Bedeckung“ des Kopfes (oder entgegengesetzt „offen“, „offenbart“, „aufgedeckt“, „unbedeckt“, „unverhüllt“).
So haben sich im Laufe der Zeit sehr unterschiedliche Annahmen entwickelt, was denn nun gemeint sei (von Haaren, die nicht offen getragen werden sollen, über ein einfaches Kopftuch bis zum alles verhüllenden Schleier).
Was will Paulus sagen?
Es gibt noch weitere Schwierigkeiten in diesem Text, auf die ich hier aber nicht mehr eingehen will, nachdem ich die wichtigsten Punkte angesprochen habe.
Wir müssen schließlich zugeben (auch wenn Theologen das schwerfällt), dass wir tatsächlich nicht wissen, was Paulus hier eigentlich sagen will. Wir werden ihn eines Tages selbst fragen müssen, falls es uns dann noch wichtig sein sollte.
Um welche Sitte geht es?
Zum Schluss noch ein Blick auf Vers 16. Wörtlich übersetzt lesen wir dort: „Wenn aber jemand meint, rechthaberisch zu sein, so bedenke er: Wir haben solche Gewohnheit nicht, auch nicht die Gemeinden Gottes.“
Um welche „Gewohnheit“ geht es hier? Um die Rechthaberei oder um die Verschleierung?
Es wäre seltsam, wenn Paulus Rechthaberei nur als „Sitte“ betrachtet, nicht als Sünde. Es spricht also einiges dafür, dass es hier um die Verschleierung geht.
Wichtige Auslegungen
Und so gibt es auch sehr verschiedene Auslegungen. Die wichtigsten Auslegungen:
1. Die klassische Auslegung: Paulus ordnet an, dass Frauen im Gottesdienst ihr Haupt mit einem Schleier bedecken sollen.8
2. Eine neuere Annahme: Paulus merkt etwa in der Mitte des Abschnitts, dass er sich verrannt hat, und setzt zu einer neuen Argumentation an.
3. Die kritische Auslegung: Paulus ordnet an, dass die Frauen in der christlichen Gemeinde in Korinth sich an die Sitten ihrer Umgebung9 halten sollen.
4. Wie 3., aber die Regel soll nicht nur für freie, verheiratete Frauen gelten, sondern auch für unfreie Frauen und Sklavinnen, die zur Gemeinde gehörten.
5. Die Zitattheorie: Paulus zitiert in der ersten Hälfte des Abschnitts die Korinther, um dann in der zweiten Hälfte ablehnend darauf zu antworten (gegen die Verschleierung der Frauen).
Ganz ehrlich: Ich weiß nicht, welche dieser Auslegungen stimmt. Und wenn wir Theologen ehrlich sind: Keiner von uns weiß es. Wir können nur raten. Und die meisten Ausleger kommen zu der Auslegung, die ihnen am besten gefällt.
Am ehesten sprechen mich zwei Auslegungen an, die erste, nach der sich die Christen in Korinth an den örtlichen Sitten orientieren sollen (die Männer tragen keine Kopfbedeckung, weil dazu nur der Mann, der der Versammlung präsidiert, berechtigt ist, und das ist Christus, und die Frauen tragen einen Schleier), und dann die Zitattheorie (Paulus argumentiert gegen die Verschleierung der Frau im Gottesdienst).10
Für mich sind folgende Punkte wichtig:
1. Wenn die Frauen einen Schleier tragen sollen, dann alle Frauen. In der Antike war es gemeinhin üblich, dass nur freie und gesellschaftlich hochstehende Frauen einen Schleier tragen durften. Frauen niederen Standes, unfreien Frauen, Sklavinnen und Prostituierten war dies verboten.11 Diese Sitten galten auch bei den Römern12 und auch während kultischer Versammlungen. Paulus aber will nicht, dass diese Unterschiede in der christlichen Gemeinde sichtbar werden. Entweder tragen alle Frauen einen Schleier – oder keine. Denn, so schreibt er an die Christen in Galatien: „In Christus seid ihr alle eins, da gibt es nicht Juden und Griechen, nicht männlich und weiblich, nicht Sklave und Freier“13. Der Text unterscheidet nicht zwischen den verschiedenen Ständen, die Sklavin gehört ebenso zur Gemeinde Christi wie die freie Frau.
2. Ich lese aus dem Text heraus, dass Christen sich, was ihre Kleidung betrifft, in der Regel den Sitten ihrer Umgebung anpassen sollen, es also keine spezielle Kleiderordnung für Christen gibt.
Ist Paulus gegen die Verschleierung?
Es spricht aber tatsächlich einiges dafür, dass Paulus sich gegen die Verschleierung der Frauen ausspricht. Das würde dann allgemein gelten, nicht nur für die Gemeinde in Korinth.
Dass ich den Schleier trage, hat allerdings tatsächlich nichts mit 1. Korinther 11,2–16 zu tun, sondern damit, dass ich glaube, dass das Gottes Wille für mich ist, meine Berufung in der Nachfolge Jesu - und nicht etwa für alle Christ*innen gilt. Und das auch weniger im Gottesdienst als vielmehr im Alltag.
Aus Römer 14–15 lese ich heraus, dass wir nicht übereinander urteilen sollen – sicherlich auch nicht über Fragen der Kleidung. Und dass ich von keiner Frau verlangen darf, dass sie sich verschleiert – oder ihren Schleier ablegt. Doch niemand darf in eine innere Not geraten.
Ich erinnere daran, dass wir sogar die Engel richten werden. Also können wir auch solche alltäglichen Streitfragen entscheiden.14
Und zuletzt: Was nicht aus Glauben geschieht, ist Sünde.15
Fußnoten
1 Das nicht minder wichtige Thema des Bibeltextes, in dem es um die Unterordnung der Frau geht, behandle ich in diesem Beitrag nicht.
2 So die Überschrift in der Neuen Genfer Übersetzung (NGÜ)
3 Die NGÜ übersetzt nicht wörtlich „(Voll-)Macht“, sondern „Kopfbedeckung“, so auch einige andere Übersetzungen.
4 Eine der Vermutungen, die ich hier gerne vorstellen möchte, betrifft 1. Korinther 6,3, „wisst ihr nicht, dass wir sogar Engel richten werden? Da müssen wir doch auch in der Lage sein, Streitfälle des täglichen Lebens zu entscheiden“ (NGÜ). Demnach hätten die Frauen Vollmacht über ihr Haupt, könnten also selbst entscheiden, ob sie es bedecken, denn wenn sie sogar über Engel richten werden, dann erst recht über diese alltägliche Frage.
5 So auch die Autorin dieser Bibelarbeit.
6 Wörtlich „Umhang, Umhüllung“. Im Arabischen wäre dies übrigens, das sei der Vollständigkeit halber erwähnt, „burqu'“, also das Wort, das wir eher als „Burka“ kennen.
7 Siehe vorige Fußnote für die wörtliche Übersetzung
8 Die meisten deutschen Übersetzungen folgen dieser Auslegung.
9 Korinth war eine römische Kolonie in Griechenland, erbaut auf den Ruinen der antiken griechischen Stadt Korinth. Dort wurden römische Sitten befolgt: Bei rituellen Kulthandlungen durfte nur der Mann, der ihr präsidierte, eine Kopfbedeckung tragen, alle anderen Männer nicht. Zugleich mussten alle freien und verheirateten Frauen (nicht aber Sklavinnen) einen Schleier tragen.
10 Beide Auslegungen stammen aus der evangelikalen Theologie.
11 Das galt so im antiken Griechenland und im antiken Rom, aber auch im antiken Orient und auch später noch im Arabien zur Zeit Muhammads.
12 Wie bereits erwähnt, war Korinth eine römische Kolonie.
13 Galater 3,28
14 1. Korinther 6,3
15 Römer 14,23
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