vecteezy collection of elegant silhouette of a muslim hijab dress 60263419 pt2„Sie machen mir Angst“ ist ein Satz, den ich aufgrund meiner Verschleierung regelmäßig höre. Die Frage ist: warum eigentlich?

Meines Wissens musste bisher kein Mensch in diesem Land irgendeine Straf- oder Gewalttat erleben, die von einer verschleierten Frau, wie ich eine bin, begangen wurde.

Wir sind auch nicht diejenigen, die Euer Leben teurer machen, dafür sorgen, dass Eure Renten unsicher sind, dass es kaum noch Wohnungen zu erschwinglichen Preisen zu mieten gibt, dass das Gesundheitssystem kurz vor dem Kollaps steht, dass immer mehr Menschen arbeitslos werden oder was sonst. Ich habe noch nie von einem Verbrechen gelesen, das hierzulande von einer komplett verschleierten Frau begangen worden ist.

Warum also diese Angst vor uns? Die Fakten sprechen gegen diese Angst und zeigen, dass sie irrational ist. 

Wie ist es aber andersherum? Muss ich als verschleierte Frau Angst vor Euch haben?

Nun, ich werde regelmäßig beschimpft, beleidigt, bedroht. Weil ich fremd wirke, weil ich für etwas stehe, was insbesondere Rechtsextreme und Rassisten ablehnen, für die Art von Menschen, die angeblich nicht ins Stadtbild passen. 

Ich höre und lese regelmäßig von nicht nur verbalen, sondern auch tätlichen Angriffen auf Frauen, die sich vollständig verschleiern – oder auch nur ein Kopftuch tragen. 

Gott sei es gedankt, bisher musste ich noch keinen tätlichen Angriff erleiden, es blieb bei verbalen Attacken, Beleidigungen, Beschimpfungen, Bedrohungen. Wohlgemerkt: Bisher. Es ist wohl weniger die Frage, ob das passieren wird, sondern wann das passieren wird. 

Und so habe ich in der Öffentlichkeit ständig meine Umgebung im Blick. Steige ich aus dem Zug und will die Treppe zur Unterführung hinuntergehen, so warte ich, bis alle vor mir gegangen sind, weil ich Angst habe, dass mich jemand von hinten schubst oder tritt, sodass ich die Treppe hinunterstürze. Nach Möglichkeit bin ich nicht im Dunkeln unterwegs. 

Ich habe Angst, und diese Angst ist leider berechtigt. Da ist einmal die Angst, die wohl jede Frau kennt, die Angst vor Männern, aufgrund derer wir abends und nachts den Schlüsselbund so in die Hand nehmen, dass wir uns zur Not verteidigen können. Ich weiß ja: Mein Schleier schützt mich nicht vor Männern, die gegen Frauen gewalttätig sind. Aber ich habe auch Angst vor Rassisten, vor Rechten und vor Neo-Nazis. 

Ja, wir haben mehr Angst vor Euch als Ihr vor uns. 

Ich weiß: Es sind nicht alle von Euch. Sozusagen not all men. Aber viel zu viele. Oft Männer. Manche glaubt man sofort zu erkennen, andere sehen „normal“ aus. Oft spielt Alkohol eine Rolle. Und natürlich, wie auch bei sexueller Gewalt, geht es um Macht, um Herabwürdigung, um Erniedrigung. Sexismus und Misogynie einerseits, Rassismus andererseits. Sie finden sich immer zusammen und äußern sich in Gewalt gegen Frauen, vor allem auch gegen rassifizierte Frauen.

Die Angst, die Ihr vor uns habt, wurde Euch von rechten Politikern und Medien eingeimpft. Sie dämonisieren, dehumanisieren und delegitimieren uns. Sie zeichnen Karikaturen von uns, die mit der Realität nichts zu tun haben. Sie sagen, wir seien eine Gefahr, eine Bedrohung. Ich werde die Botschaften hier nicht replizieren. Wir alle kennen sie.

Und diese Botschaften wiederum steigern die Gewaltbereitschaft uns gegenüber. 

Und dann kommen die ganz Schlauen und meinen, wir sollten den Schleier ablegen, um die Stimmung nicht weiter aufzuheizen, um Rassisten keinen Grund zu liefern, der sog. AfD keine Argumente. Das ist Victim Blaming, Opferschelte. „Dein Rock ist zu kurz, kein Wunder, dass Du belästigt wirst …“ 

Klar: Ohne Schleier wäre ich eine weiße Frau, zwar nicht blauäugig, aber wenigstens blond. Ich würde nicht mehr rassifiziert werden. Viele andere Frauen, die Hidschab oder Nikab tragen, haben dieses Privileg nicht. Sie sind nicht weiß und blond, sie sind Farbig oder Schwarz, sie werden rassifiziert, sie werden aufgrund ihrer Herkunft gehasst. Für sie wird ohne den Schleier nichts besser. Nicht der Schleier ist das Problem, sondern der Rassismus (in Verbindung mit Misogynie).

Und Rassismus wird ebenso wie Rechtsextremismus in Deutschland viel zu wenig bekämpft. Weiterhin kein Verbot der sog. AfD in Sicht. Eine Bundesregierung, die jede Gelegenheit nutzt, sich rassistisch zu äußern. 

Ja. Immer wieder: ja. Wir haben mehr Angst vor Euch als Ihr vor uns. 

Und unsere Angst ist berechtigt. Sie basiert auf der Tatsache, dass in diesem Land Rassismus und Rechtsextremismus immer mehr Raum einnehmen. Auf der Tatsache, dass es einen Rechtsruck gibt, dass immer mehr Menschen rassistischen Aussagen zustimmen. Und dass es zu wenig Widerspruch gibt. 

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