Entgegen der üblichen Wahrnehmung im Westen ist der Schleier kein islamisches Symbol, sondern ein religiöses Element, das die drei abrahamitischen Religionen – das Judentum, das Christentum und den Islam – seit jeher verbindet.

Im Judentum (Tichel bzw. Scheitel) und im Islam (Hidschab, Dschilbab) ist er nach Überzeugung vieler gläubiger Frauen verpflichtend. Auch im Christentum wurde und wird er häufig als verpflichtend betrachtet, wobei die übliche Auslegung von 1. Korinther 11,2-16 – der Schleier als Symbol der Unterordnung der Frau unter den Mann, der ihr „Haupt“ sei – dazu geführt hat, dass er bei Christen oft in Ungnade gefallen ist (was von Christen oft unreflektiert auf den Islam übertragen wird). 

Das Christentum, so heute die mehrheitliche Überzeugung weißer bzw. westlicher Christen, kennt im Gegensatz zum Judentum und zum Islam keine allgemeine Kleiderordnung, weder für Männer noch für Frauen. Aber er gehört dennoch zum Christentum. Die Frauen der Bibel, des Ersten wie des Zweiten Testaments, haben den Schleier getragen. Die frühen Christinnen haben den Schleier getragen. Und auch heute noch tragen eine Vielzahl christlicher Frauen, gerade Schwarze und Farbige Christinnen, den Schleier in der einen oder anderen Form (die einfachste Form ist die Sitte, die Haare lang und nicht offen zu tragen). 

Wir können nicht einfach sagen, dass der Schleier nichts mit dem Christentum zu tun hat – das entmündigt diejenigen Christinnen, die den Schleier aus religiöser Überzeugung tragen. 

Der Schleier verbindet das Judentum, das Christentum und den Islam. Es ist ein Symbol der abrahamitischen Ökumene, der Verbundenheit jüdischer, christlicher und muslimischer Frauen. Die Christinnen haben ihn von den Jüdinnen übernommen, die Musliminnen von den Jüdinnen und den Christinnen.

Als Christinnen müssen wir uns darüber klar werden, dass wir eine verzerrte Sicht auf den Schleier haben – auf den Schleier in der Bibel und in unserer eigenen Tradition, aber auch auf den Schleier jüdischer und besonders muslimischer Frauen. Wir nehmen gerade muslimischen Frauen zu oft die Deutungshoheit über ihren Schleier, sprechen ihnen die Mündigkeit ab, wenn es um den Schleier geht. Wir übertragen unsere Gefühle zum Schleier auf muslimische Frauen und pflegen so Vorurteile. 

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