Vor einiger Zeit habe ich mich hier im Blog als trans Frau geoutet.
Dort schrieb ich unter anderem: „Mein Transsein ist mit keinem Aktivismus verbunden.“ Das stimmt auch, ist aber eine bewusste Entscheidung von mir. Denn eigentlich wäre ich gerne eine Trans-Aktivistin. Ich würde gerne als trans Frau, genauer gesagt, als christliche trans Frau, sichtbar sein. Für andere Menschen wie mich, damit sie wissen: Sie sind nicht allein. Aber auch für diejenigen, die selbst nicht trans sind und viele Fragen haben.
Aber ich habe mich dagegen entschieden. Diese Entscheidung war nicht meine eigene Idee. Sie traf und trifft auch nicht auf meine begeisterte Zustimmung. Aber Gott hat mir sehr deutlich gemacht, dass dies nicht mein Weg ist. Nicht, weil es aus seiner Sicht falsch wäre, trans zu sein. Aber für mich hat Gott einen anderen Weg vorgesehen: Für Nikab-Trägerinnen eintreten, mit ihnen solidarisch sein.
Ich frage mich oft, ob es gut ist, dass ausgerechnet ich, eine trans Frau, diesen Weg gehen soll. Wie auch im Christentum, stehen viele Muslime der Transgeschlechtlichkeit sehr ablehnend gegenüber. Wäre nicht eine Frau, die nicht trans ist, also eine cis Frau, viel besser dafür geeignet?
Ich habe Gott oft gefragt, warum er ausgerechnet mich auf diesen Weg gesandt hat, und ich habe keine wirkliche Antwort von ihm bekommen, nur eine Gewissheit: Gott weiß es besser. Ich vertraue darauf, dass Gott, wenn er mich auf diesen Weg sendet, das Beste im Sinn hat.
Trotzdem zweifle ich manchmal: Sollte Gott mich wirklich auf diesen Weg gesandt haben? Unter allen christlichen Frauen ausgerechnet mich? Und manchmal lege ich dann sogar den Schleier ab. Und glaube, es wäre doch besser, eine christliche Trans-Aktivistin zu sein.
Aber Gott ruft mich immer wieder zurück auf den Weg, den er für mich festgelegt hat, mit Dschilbab, Nikab und Handschuhen. Ich weiß, dass es der richtige Weg ist. Meine Sichtbarkeit als Nikab-Trägerin schafft Akzeptanz für Frauen wie mich. Das nehme ich in meinem Umfeld sehr deutlich wahr. Das Verhalten der Menschen mir gegenüber hat sich im Laufe der Zeit, in der ich mich verschleiere, deutlich verändert, zum Positiven verändert.
Ich wäre gerne eine Trans-Aktivistin, der Weg mit Dschilbab und Nikab ist nicht meine eigene Wahl. Aber ich weiß mich von Gott auf diesen Weg gesandt. Ich bin Gott dankbar, dass er mich nicht zu groß gemacht und mir eine recht helle, gerade noch weiblich klingende Stimme gegeben hat. Denn ich habe eigentlich immer Angst, „enttarnt“ zu werden, dass die Leute merken, dass die Person hinter dem Schleier eine trans Frau ist. Wie die meisten trans Personen mag ich es gar nicht, „geclockt“, also als trans erkannt zu werden – normalerweise würde ich das angehen, indem ich mich bewusst als trans Frau zeige. Dann habe ich die Kontrolle darüber, wer mich als trans Person erkennt, oute mich selbstbestimmt. Hinter dem Schleier fehlt mir diese Kontrolle. Da verlangt Gott eine ganze Menge von mir.
Im Gespräch mit muslimischen Frauen oute ich mich übrigens, wenn es mir geboten erscheint. Das heißt, bevor es zu einem persönlichen Treffen kommt. Es ist mir wichtig, dass sie nicht plötzlich überrumpelt werden. Dabei habe ich gelernt: Viele der Frauen sind neugierig, was es mit diesem Transsein auf sich hat. Denn sie kennen nur die Klischees, die Mythen und die Viertelwahrheiten, die über trans Personen im Umlauf sind. Ich kann dann also doch ein wenig eine Trans-Aktivistin sein, kann aufklären und helfen, Ängste aufzulösen. Leider sind manche Frauen auch sehr ablehnend – aber das ist bei Christen ja nicht anders. Ich bin ihnen darum nicht böse.
Ich wäre gerne eine Trans-Aktivistin, aber ich stelle meine Wünsche zurück und halte mich an Gottes Willen für mich, gehe den Weg, auf den er mich gesandt hat. Denn sein Wille soll geschehen, nicht meiner.